Facebooking


Ich habe schnell bemerkt dass ganz Brüssel noch einmal in virtueller Form existiert, und zwar auf Facebook. Überraschung! Bisher hatte ich immer gedacht, Facebook wäre ein Phänomen, das sich weit draußen in den USA herumtreibt und nicht mitten unter uns ist. Aber der einzige Grund, warum die Seite in Deutschland noch nicht populär ist, ist wohl, dass Deutschland fest in der Hand von StudiVZ ist.
StudiVZ kenne ich nicht, aber ich nehme stark an, dass beide Plattformen, wie das so schön heißt, ungefähr gleich funktionieren: man hat ein Profil, auf dem man so viel oder wenig persönliche Information preisgibt, wie man möchte, und dann noch - und das ist der eigentliche Clou - eine Liste von so-called-Freunden. Also die Profile sind miteinander verbunden je nach Bekannt/Freundschaft in der realen Welt. Das ist faszinierend, aber auch ein bisschen beängstigend: man trägt so eine Art Katalog der eigenen Bekanntschaften mit sich herum und kann sich praktisch von dort ausgehend, wenn man möchte, über dutzende Profile bis nach Asien durchhangeln. Alle diese sonst unsichtbaren Beziehungsgeflechte werden ans Tageslicht gezerrt, und wenn man an einer Ecke zieht, geht das immer und immer weiter. Das ist natürlich eine grooßartige Eitelkeitsmaschine: Seht her, ich bin beliebt und habe 120 Freunde! (Kein Witz.) Sie sehen alle gut aus und halten gefüllte Biergläser in die Kameras!
Bei verantwortungsvollen Erwachsenen wie wir welche sind geht das ja noch, aber ich möchte mir nicht ausmalen was das für Dramen an Schulhöfen und Unis auslösen kann, Gruppenzwang mit eingebauter Verstärkerfunktion. Demnächst wird man wohl, wenn es Streit gab, mit großer Geste aus dem Facebook-Verzeichnis gelöscht. Das ist ja auch so schön eindeutig: entweder man ist drin in der langen Liste der acquaintances, oder man ist es nict. Mein soziales Umfeld als Sammelbildchen.
Bin ich da zu kulturpessimistisch? Und wenn ja, warum habe ich dann da auch ein Profil?


Fußball-content


Ausnahmsweise mal Fußball-content im tagbuch (besser als gar nichts, nicht wahr?): Gestern durch Prenzlauer Berg gestreift und lauten Jubel aus den Fußball-Kneipen gehört. Da denkt man als normaler Mensch natürlich, Schalke, der Liebling aller billig und gerecht denkenden Fußballfans, würde direkt auf den Titel zumarschieren?! Aber nein, der Jubel muss wohl Stuttgart gegolten haben. QED: Das Klischee, dass der deutsche Hauptstadtteil des Latte-Macchiato-Konsums so voller kinderreicher Stuttgarter steckt wie Kreuzberg voller kinderreicher Türken, hat sich mal wieder bestätigt. Und damit zurück an die angeschlossenen Funkhäuser.



Vor kurzem bin ich im Internet über eine Methode gestolpert, aus einem Blatt Papier eine Origami-CD-Hülle zu falten: auf dieser Seite gibt es eine Schritt-für-Schritt-Anleitung. Es geht ganz einfach (sogar ich habe es hingekriegt, obwohl ich zB der schlechteste Geschenke-Verpacker der Welt bin), die Hüllen sehen gut aus und sind erstaunlich stabil. Sehr praktisch, wenn man seine Rohlinge im Dutzend auf Spindeln ohne Hüllen kauft und die Dinger sonst, bebrannt mit legal aus dem Internet heruntergeladenem Fortbildungsmaterial, in der Gegend rumfliegen. Auf papercdcase.com kann man sich sogar Tracklistings auf Papierhüllen drucken lassen.


best clavicles ever


Es frage mich keiner wie ich dahin gefunden habe, aber es gibt auf flickr eine Gruppe für Schlüsselbeinfotos - zu englisch: clavicles. Ich musste erst einmal nachdenken, um welchen Körperteil es da überhaupt geht, aber aus den Fotos ist es schon - ersichtlich. Allerdings ist das weibliche Schlüsselbein deutlich überrepräsentiert. Man könnte sogar fast sagen, es geht nur um das weibliche Schlüsselbein. Das ist schon etwas ungerecht. Ungerecht ist auch, dass es keine Gruppe über cheekbones gibt. Dabei gäbe es daran doch ein öffentliches Interesse.


Bücherliste


Eine schöne Fragenliste bei Anke Gröner (und hier). Das sind meine Antworten:

Gebunden oder Taschenbuch?
Gebunden. Nirgendwo auf der Welt gibt es so schöne gebundene Bücher wie in Deutschland, das sollte man ausnutzen, solange es noch so ist. Ich warte auch nicht gern so lange, bis eine Taschenbuchausgabe draußen ist. Bei vielen Büchern, die ich lese, könnte ich sowieso lange drauf warten..
Kookbooks macht übrigens sehr schöne Taschenbücher. Oder sind das überhaupt Taschenbücher? Jedenfalls ist es nicht Hardcover, sondern irgendwas dazwischen.

Amazon oder Buchhandel?
Am liebsten Buchhandel, wenn ich das Gesuchte da bekomme. Sonst Amazon. Amazon ist schon klasse.

Lesezeichen oder Eselsohr?
Lesezeichen. Ich hasse geknickte Buchseiten. Ich habe auch eine Aversion dagegen, in Bücher reinzuschreiben oder zu unterstreichen. Das ist zwar vielleicht praktisch, aber ich bringe es nicht über mich. Nicht mal in Fachbüchern oder Skripten, was schon ein bisschen idiotisch ist, gebe ich zu.

Ordnen nach Autor, nach Titel oder ungeordnet?
Die Lyrikbände stehen alle zusammen. Sonst eher rudimentäre Ordnung.

Behalten, wegwerfen oder verkaufen?
Ich habe nur einmal Bücher weggegeben, einfach eine Kiste in den Hausflur gestellt. Das war ein großer Erfolg: nach einer Woche waren sie alle weg (wurden vermutlich für Unsummen bei Ebay verkauft). Aber ich will das nicht mehr tun.

Schutzumschlag behalten oder wegwerfen?
Behalten. Warum wegwerfen? Schutzumschläge schützen.

Mit Schutzumschlag lesen oder ohne?
Mit. Die stören doch nicht, und man kann die Klappe als Lesezeichen nutzen.

Kurzgeschichten oder Roman?
Beides gleich gern. Aber in Deutschland scheint es eine Kurzgeschichten-Allergie zu geben, keiner kauft das, und deshalb kommen kaum welche auf den Markt (Ausnahmen bestätigen die Regel: Es gibt da ja einen neuen Band von Ingo Schulze, der ganz gut sein soll). Dafür sind viele "Romane" von jungen, hoffnungsvollen deutschen Autoren ja eher gestreckte Kurzgeschichten. Aber wenn man auf das 150-Seiten-Büchlein mit Schrift für Leseanfänger nicht dick "ROMAN" schreibt, sondern "mühsam auf knappe Romanlänge gebrachte Substanz einer Kurzgeschichte", kauft es ja wieder keiner.

Sammlung (Kurzgeschichten von einem Autor) oder Anthologie (Kurzgeschichten von verschiedenen Autoren)?
Sammlungen von verschiedenen Autoren habe ich nur ganz wenige. Oft sind das wild zusammengewürfelte Dinge, die man mühsam unter einen thematischen Hut gebracht hat. Muss nicht sein.
Bei Lyrik ist das natürlich eine andere Geschichte, Lyrik-Anthologien sind perfekt, um neue Lieblinge kennenzulernen. Und wenn man so will, sind alle Lyrik-Einzelbände ja sowieso "Sammlungen".

Harry Potter oder Lemony Snicket?
Harry Potter. Ist keine Kinderliteratur (bzw. nicht nur), sondern großartig geschrieben und spannend. Wer darüber lästert, hat es meist nicht gelesen. Ich habe mir ja auch kaum vorstellen können, dass die Reihe so gut ist, bevor ich damit angefangen und nicht wieder herausgefunden habe.

Aufhören, wenn man müde ist oder wenn das Kapitel endet?
Ungern mitten im Kapitel, dann muss ich erst einmal wieder reinkommen beim weiterlesen. Aber manchmal geht's nicht anders.

“Die Nacht war dunkel und stürmisch” oder “Es war einmal”?
Weder noch.

Kaufen oder Leihen?
Kaufen. Man will ja die darbenden Literaten unterstützen (wenn ich mal hier Ms. Rowling außen vor lasse). In der Schule hab ich allerdings die Bücherei geplündert. Jetzt will ich das gelesene Buch gerne weiter um mich haben. Und nie, nie mehr weggeben.

Neu oder gebraucht?
In letzter Zeit kaufe ich fast alles neu, aber wenn ich im Antiquariat was schönes finde, hab ich auch nichts dagegen.

Kaufentscheidung: Bestsellerliste, Rezension, Empfehlung oder Stöbern?
Sehr viel auf Empfehlung, v.a. aus dem Internet. Stöbern aber auch. Im Moment hab ich aber sowieso so viel auf meiner Leseliste, dass ich das erst einmal abarbeiten muss, bevor ich mich nach neuen Autoren umsehen kann...

Geschlossenes Ende oder Cliffhanger?
Kurzgeschichten brauchen kein ordentliches Ende, Romane schon eher. Aber ich als Lyrik-Person bin sowieso nicht so wild auf die Story. Wenn sich das Buch gut liest, ist mir nicht so wichtig, ob der Held am Ende stirbt oder obsiegt (Harry?!)

Morgens, Mittags oder Nachts lesen?
Meist Abends, sonst zu wenig Zeit (naja, im Moment geht's..).

Einzelband oder Serie?
Einzelband. Ausnahme: Harry P. Und vielleicht noch Per Anhalter durch die Galaxis, aber es ist ja auch schon ein Weilchen her, dass ich die Quintologie gelesen habe. Bei Serien denke ich sonst eher an Dinge wie Perry Rhodan und es schüttelt mich.

Lieblingsserie?
S.o.

Lieblingsbuch, von dem noch nie jemand gehört hat?
Cloud Atlas von David Mitchell. Hier so gut wie unbekannt, obwohl er beinahe den Booker Prize gewonnen hätte.

Lieblingsbuch, das du letztes Jahr gelesen hast?
David Mitchell, siehe oben. Und dann noch sein neues, Black Swan Green, das ich allerdings nicht ganz so gut fand.

Absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten?
Infinite Jest von David Foster Wallace. Über 1000 Seiten, eng bedruckt, 300 Fußnoten... Aber ich habe es verschlungen. Das Buch hat übrigens kein "richtiges" Ende, sondern beginnt zeitlich mit dem Ende, und die dramatischsten Ereignisse, über die man nur spekulieren kann, werden bloß angedeutet. Aber das macht nichts, es ist ein Universum für sich. Ganz oben auf meiner Liste ist auch Der Zauberberg, eines der ganz wenigen Bücher, die ich zweimal gelesen habe.



"Der Popvorgang beginnt nach ca. 1 Minute".
Aus der Bedienungsanleitung für die Popcornmaschine, die ich dem Schatz geschenkt habe. Und es stimmt: der Popvorgang beginnt nach ca. 1 Minute. Es ist eine wahre Freude.


Computermetaphern


Angeblich sagt der trendige anglophone neuerdings "I gonna bang the bricks", wenn er Geld aus dem Automaten ziehen will. Das tut er nach diesem Blogeintrag, weil Super Mario im gleichnamigen Computerspiel mit der Faust gegen Wände haut und dabei Geld rausspringt, "wie jedermann weiß". Also ich wusste das nicht. Und befürchte, bald wird die Jugend von heute ihren Metaphernschatz aus Computerspielen ziehen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Überhaupt, wenn es ein Popkulturphänomen gibt, das fast komplett an mir vorbeirauscht, dann sind es Computerspiele. Das rächt sich irgendwann durch kulturelles Außenseitertum, oder das sind einfach die Dinge, die passieren, wenn man alt wird.

Total book finde ich hingegen den Trend, Wörter durch diejenigen zu ersetzen, die im T9-Wörterbuch von Handys als erste auftauchen anstatt des Worts, das man eigentlich tippen will. Also zB "cool" durch "book", weil "book" der erste Vorschlag ist.


Über Lesen


Ein phantastischer Artikel von Zadie Smith über Literatur und Literaturkritik:
http://books.guardian.co.uk/departments/generalfiction/story/0,,1989004,00.html
mit diesem großartigen, zitierfähigen Satz
To live well, to write well, you must convince yourself of the inviolable reality of other people.
Denn Lesen es ist der engstmögliche Kontakt mit der Persönlichkeit eines Anderen. Man könnte deshalb genauso gut sagen: Ein gutes Buch erbringt den Beweis, das ich, der Leser, nicht allein bin.

Ich bin allerdings nicht damit einverstanden, dass Schreiben und gutes Schreiben eine Sache der Moral ist.

To see things as they really are ... to me this is always and everywhere, in writing, in life, a matter of morals.
Dann ist Schreiben eine Frage der (subjektiven, aber das kann gar nicht anders sein) Ehrlichkeit. Ich habe auch einmal gehört, es sei eine Frage der Haltung. Muss das so sein? Ich glaube nicht. Das ist enttäuschend, denn wenn jemand einen davon überzeugen kann, dass er als Person existiert, möchte man dann auch ganz gerne, dass er dabei ehrlich ist. Aber ich fürchte, so einfach ist es nicht. Oscar Wilde hat gesagt, dass die Pose das einzig wichtige ist. Und vor meinem Haus krakeelen schon wieder Besoffene.


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