Übrigens ist eins der wichtigsten Werke der US-Postmoderne nicht ins Deutsche übersetzt und außerdem, soviel ich weiss, hier so gut wie unbekannt. Es handelt sich um Infinite Jest von David Foster Wallace, ein Buch von wahrhaft imponierendem Umfang - fast 1000 eng bedruckte Seiten und über 300, teilweise mehrere Seiten umfassende Fussnoten. Da ist eine Übersetzung natürlich schon ein Wagnis - wer kauft so etwas? Die Vermutung liegt nahe, dass sich diejenigen, die sich für so ein Riesenwerk interessieren, sowieso lieber das Original lesen. Ein bisschen seltsam ist es trotzdem, denn schließlich sind sonst alle wichtigen Bücher von "DFW" übersetzt, sogar sein erster, nicht viel kürzerer Roman namens "The Broom Of The System" / "Der Besen im System".
Aber worum geht es in Infinite Jest? (Der Titel ist eine Hamlet-Anspielung, von der es im Buch noch einige gibt: auf den Spassmacher Yorick, dessen Schädel Hamlet in Händen hält während des berühmten Monologs). Äußerlich betrachtet geht es zum einen um eine Tennisakademie und ihre diversen Bewohner, vor allem die Familie des Gründers, welcher gleichzeitig als Amateur-Filmemacher einen so faszinierenden Kurzfilm dreht, dass alle, die ihn sehen, nicht mehr damit aufhören können, bevor sie sterben. Eine kanadische Separatistenorganisation von Rollstuhlfahrern ist hinter diesem Film her, um damit die Regierung zu erpressen. Dann spielt noch ein Rehabilitationszentrum für Drogensüchtige eine wichtige Rolle. Es gibt mehrere Handlungsstränge, die parallel laufen, sich kurz treffen, wieder auseinander driften. Mehrere Dutzend Hauptpersonen. Natürlich ist der Roman nicht chronologisch erzählt, und die Zeitangaben sind im im Jahr 2009 (da spielt der größte Teil des Buches) durch "Subventionierte Zeit" ersetzt werden, d.h. dass jedes Jahr von einem Unternehmen aufgekauft wurde und den Namen dieses Unternehmens oder eines Produkts trägt ("Year of Dairy Products from the American Heartland"). Das Buch fängt mit dem Ende an, lässt allerdings den Teil der Handlung, in dem wohl das allerwichtigste passiert, einfach aus. Die Fussnoten habe ich schon erwähnt: man sollte sie alle lesen, denn viele sind sehr wichtig zum Verständnis der "Handlung". Es gibt dutzende Fremdwörter, mit denen sogar Muttersprachler ihre Schwierigkeiten haben (Ich gebe zu, ich würde das auch nicht gerne übersetzen).
Die großen Themen des Buchs sind Unterhaltung, in allen Formen, und was sie mit uns macht: Fernsehen, Drogen, Streben nach Perfektion, nach Macht. Also um so ziemlich alles, was das moderne Leben schwer macht: sich selbst einen Sinn finden, eine Person sein, eine darstellen: eine Maske finden. Viele Themen -wie die Maske - werden endlos variiert. Das Buch ist kompliziert und thematisch anspruchsvoll, metaphernreich und verzwickt, und trotzdem macht es ungeheuren Spass, es zu lesen, weil es voller unwahrscheinlicher, wunderbarer Geschichten steckt, die nicht etwa auf irgendeine Aussage hin konstruiert sind, sondern zutiefst (Klischee, ich weiss) menschlich und erschütternd und dabei plastisch und unzynisch erzählt (vielleicht hilft es, dass DFW versuchte, Tennisprofi zu werden *und* lange Zeit drogensüchtig war?). Ein Buch, das es einem nicht leicht macht: aber am Ende kann man stolz mit der Schwierigkeit des Buchs prahlen und verschweigen, dass das Lesen an Infinite Jest (oder fast) war. Außerdem sieht es toll aus im Regal mit dem breiten Rücken.