Ich habe gerade eines der neueren Bücher von Max Goldt gelesen; dort beobachtet er sehr richtig – und ziemlich verblüffend, finde ich – dass ja noch Mitte der 90er Jahre das Handy als das Angeber-Utensil Nr. 1 galt, als ein reines Yuppie-Gadget, das niemand jemals wirklich brauchen würde. Tatsächlich gab es ja zu jener Zeit, irgendwo zwischen der Mantawitze- und der Blondinenwitze-Welle einige Handybenutzer-Witze. Einer von ihnen ging etwa so, dass ein fescher Yuppie an Bord eines Angeber-Sportwagens Aktienorder oder dergleichen in sein Handy brüllend durch die Stadt fährt, dann jemand direkt neben ihm in eine dringende Notlage gerät (bei junger Mutter setzen plötzlich die Wehen ein, zum Beispiel), die notleidende Person ihn anfleht, das Handy zum Herbeirufen von Rettungskräften zu verwenden, worauf er kleinlaut gestehen muss, dass es sich um eine Attrappe handelt (und der Sportwagen nur geleast, nehme ich an).
Hmmmm – genaugenommen ist das ja gar kein Witz, sondern mehr so eine Art Urban Legend. Na was soll‘s, es illustriert auf jeden Fall bestens Herrn Goldts und meinen Punkt, dass Handybenutzer früher scheel angeschaut werden, was heute so sehr nicht mehr der Fall ist, dass sich kaum noch jemand an die Zeiten erinnert, da noch nicht jeder Deutsche 1,2 Handys besaß. (Man könnte sich auch fragen, was bei dieser Sachlage aus dem Berufsstand der Handyattrappenhersteller geworden ist – eine Suchanfrage bei Google mit dem Begriff „Handyattrappenhersteller“ ergibt genau 0 Resultate, was die Vermutung nahelegt, es geht ihnen nicht so besonders).
Eigentlich wollte ich aber auf die Frage zu sprechen kommen: wenn sich damals niemand vorstellen konnte, dass so ein verlachtes Nischenprodukt mal ein banales Alltagswerkzeug werden könnte – auf was könnte das wohl heute zutreffen? Mir ist dazu nichts rechtes eingefallen (Zuschriften erbeten). Ich kann mir allerdings durchaus vorstellen, dass es in näherer Zukunft sehr normal sein wird, sog. Headsets zu benutzen und damit durch die Stadt zu laufen; am besten finde ich die Leute, die (den ganzen Tag?) ein silbriges Bluetooth-Klonk am Ohr tragen und damit aussehen wie aus Star Trek, und zwar auch, wenn niemand anruft. Ja gut, das wird vielleicht bald normal, aber das Objekt von Witzen sind solche Leute nicht, soweit ich weiss.
Überhaupt ist es ja äußerst schwer, Abstand von der eigenen Epoche zu gewinnen, selbst wenn man unter „Epoche“ nur die letzten 10 Jahre or so versteht. Im Philosophie-Unterricht in der Schule wurde mal gefragt, was künftige Generationen einmal an unserer Epoche einmal als moralisch extrem verwerflich und unnachvollziehbar erscheinen könnte. Ausgangspunkt war gewesen, dass ja im alten Griechenland nicht einmal die großen Philosophen, die die Ethik praktisch erfunden haben, etwas an der Sklaverei auszusetzen hatten. Ich meinte, vielleicht würde man Gefängnisse einmal für unmöglich halten. Das konnten meine Mitschüler gar nicht verstehen, Gefängnisse seien doch notwendig, wohin sonst mit den Verbrechern etc. etc. Klar, das meine ich auch, aber die Frage war ja nicht, was man JETZT richtig findet, sondern was sich vielleicht IRGENDWANN EINMAL als moralische Wertung überlebt haben könnte.
Gut, das hat jetzt mit Handys nicht mehr viel zu tun. Aber es zeigt doch immerhin eines: schon damals in der Schule war ich klüger und sensibler als meine Mitschüler*!

*: Ironie**.

**: Größtenteils.

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