Ich kann es nicht ändern, aber hier kommt schon wieder ein Post über einen in D sträflich vernachlässigten US-Autor: nämlich William T Vollmann. Ich stelle aber wohl am besten gleich klar, dass ich bisher noch nichts von ihm gelesen habe, sondern das nur glühend vorhabe. WTV, wie ich ihn ab jetzt nennen will, gilt schon deshalb als Kurisität, weil er unglaublich viel publiziert: er hat angeblich schon an die 60 Bücher geschrieben (er ist höchstens 50 Jahre alt), die zum größten Teil richtige Schinken sind. Das macht den Zugang natürlich nicht gerade einfacher, und dann kommt für deutsche Leser der Umstand dazu, dass lt. Amazon nur ein einziges seiner Bücher übersetzt ist, und das ist komischerweise ein sehr frühes,
eine Reportage über den Afghanistan-Krieg.
Das Hauptwerk Vollmanns ist ein über 3000-seitiges Werk namens "Rising up and Rising Down", das das Thema der menschlichen und v.a. gesellschaftlichen Gewalt in allen Facetten - mit Reportagen, Geschichten, Fotos etc. - aus den unterschiedlichsten Orten und Zeiten beleuchtet. Er scheint überhaupt ein ziemliches Faible für geschichtliche Stoffe zu haben: sein neuestes Buch, Europe Central (auch ein ziemlicher Wälzer übrigens) spielt in Europa Anfang des 20. Jahrhunderts und lässt viele historische Figuren zu Wort kommen, u.a. auch (das habe ich in Erinnerung behalten) Schostakowitsch.
Trotz der unglaublichen Produktivität ist WTV, nach allem was man hört, ein brillanter Stilist. Er ist schon früh mit Thomas Pynchon verglichen worden und mit William Gaddis und mit anderen postmodernen Helden, scheint aber doch eher konservativer in den Erzählstrukuren zu sein als diese. Was ihn aber vollends ungewöhnlich macht, ist dass er offenbar ein absolut furchtloser Rechercheur und Reisender ist, der sich schon in mehreren Kriegsgebieten getummelt hat - d.h.: anders als wiederum seine Produktivität vermuten lässt, kennt er die Welt nicht nur aus der Schreibtischperspektive. Dass das dem Schreiben nur gut tun kann, ist ja klar (man fragt sich nur, woher er für all das die Zeit nimmt. Vermutlich konzentriert er sich).
Das sind für mich jedenfalls mehr als genügend Gründe, um es einmal mit ihm zu versuchen, obwohl ich mich historische Stoffe eigentlich eher weniger erwärmen kann. Nach
dieser Seite, die eine kleine Starthilfe geben will, soll die Sammlung von Kurzgeschichten (fast 600 Seiten, na schön) ein guter Einstieg sein. Ich werde dann wieder berichten - bis dahin: bleiben Sie mir gewogen, liebes nichtexistentes Publikum.