
David Mitchell ist ein junger britischer Autor, der in seiner Heimat schon recht bekannt ist. Für seine ersten zwei Romane, nämlich
Ghostwritten (1999) und
number9dream (2001) hat er mehrere Preise erhalten und war sogar mit letzterem in der Endauswahl für den Booker Prize. Bis jemand wie er vielleicht auch in Deutschland entdeckt wird, dauert es erfahrungsgemäß sicher noch ein paar Jahre bzw. Bücher, das ist bei Leuten wie A.L. Kennedy oder Ian McEwan ja auch nicht anders gewesen. Und
number9dream ist (unter dem leider ziemlich nichtssagenden Titel Chaos) immerhin schon übersetzt. Cloud Atlas ist sein drittes Buch, es ist 2004 herausgekommen.
Die Struktur von Cloud Atlas ist ungewöhnlich, man kann es eigentlich keinen Roman nennen, obwohl das Buch weit umfangreicher ist als so mancher „Roman“ anämischer deutscher JungschriftstellerInnen. Es handelt sich nämlich nicht um einen auch nur einigermaßen fortlaufenden Erzählstrang, sondern um gleich sechs davon, die in zeitlich recht weit auseinander liegenden Epochen spielen, und deren Personal sich, bis auf eine kleine Ausnahme, nicht überschneidet. Die Verknüpfung zwischen diesen Episoden ist auf den ersten Blick sehr lose: so handelt der erste Abschnitt von den Abenteuern eines jungen amerikanischen Schiffsreisenden in die Karibik im frühen 19. Jahrhundert. Dieser Bericht, als Seetagebuch der Hauptperson angelegt, bricht plötzlich – mitten im Satz – ab und wir befinden uns im Belgien der 30er Jahre, wo ein junger und talentierter britischer Komponist in Briefen an seinen Lover daheim berichtet, wie er sich bei einem berühmten, aber tattrigen Kollegen einnistet (und dabei sein Meisterwerk, die Cloud Atlas Suite (sechsteilig!), komponiert) und dessen Frau verführt. Besagter Komponist findet den Reisebericht, der den Anfang des Buchs ausmacht, in der Bibliothek seines Gastgebers, allerdings nur den ersten Teil. Die Briefe des Komponisten bilden wiederum die Brücke zur nächsten Geschichte, in der deren Empfänger, Jahrzehnte später, eine Rolle spielt. Und so geht es weiter in die Zukunft: die fünfte Geschichte spielt mindestens 100 Jahre in der Zukunft, in einer stark von „Brave New World“ abgeschauten Umgebung, die nächste in einer wüsten Welt nach dem Zusammenbruch des Großteils der Zivilisation. Dieser Teil ist der einzige, der nicht unterbrochen wird; in der zweiten Hälfte des Buches werden die angefangenen Geschichten in umgekehrter Reihenfolge vollendet, so dass wir ganz zum Schluss wieder bei unserem unglücklichen, kranken Schiffsreisenden angelangt sind. Die Stories stecken also ineinander wie diese russischen Matroschkas.
Ohne zu viel verraten zu wollen: die Geschichten selbst spielen oft mit Genre-Klischees, sind Thriller, Gangstergeschichten, Science-Fiction und klauen sich ungeniert durch die hohe und niedere Literaturgeschichte von Le Carré bis Aldous Huxley und zurück. Dabei bringen sie allerdings schon wieder Dinge zusammen, die man sonst nie gemeinsam in einem Buch findet, und Mitchell schreibt weit besser, als es die Autoren solcher Literatur normalerweise tun. Gleichzeitig bieten diese unterschiedlichen Spielfelder dem Autor die Möglichkeit, seine ungeheuren sprachlichen Fähigkeiten zu präsentieren: da schreibt der Schiffsreisende altmodisches Englisch, die Bewohner des 22. Jahrhunderts aber ein originelles Neusprech, in der z.B. viele Markennamen zu Gattungsbezeichnungen geworden sind: Schuhe sind „nikes“, jedes Getränk ist „coke“, usw. Der Untergang der Zivilisation in der zentralen Geschichte schlägt sich nieder in einem Kauderwelsch-Englisch, das schwer zu lesen ist, aber perfekt durchgehalten wird.
Nun könnte man auf die Idee kommen, hier hätte einer einfach sechs Erzählungen genommen und sie mehr schlecht als recht zu einem größeren Werk zusammengelötet, auf dass es sich besser verkaufe als ein Band mit bloßen „Stories“. Aber das Besondere ist eben gerade, dass der innere Zusammenhang sich nicht aus der Handlung bzw. den Handlungen ergibt, sondern aus Motiven, die hinter all diesen Geschichten stehen: der Schiffsreisende erlebt den kolonialen Dünkel seiner Landsleute gegenüber den „Wilden“, eine zur Arbeit gezeugte „Fabrikantin“ in der Kastengesellschaft der Zukunft emanzipiert sich, um nur zwei Beispiele zu nennen. Es geht um Abgrenzung, Gier, Neid und vor allem um Machtausübung in allen Bereichen des menschlichen Lebens. Es ist fast eine Quadratur des Kreises, dass einem diese Fragen nicht aufgedrängt werden, sondern sich erst nach und nach einstellen bei der Lektüre von Geschichten, die einen glänzend unterhalten.
Perfekt ist das Buch nicht: man hat eigentlich nie genug Zeit, mit einer der Personen richtig warm zu werden, um kaum eine wird psychologisch tiefgehend gezeichnet. Das liegt natürlich auch an der Genre-Anlage: die meisten Figuren sind eher Typen als Charaktere und entsprechen bis zu einem gewissen Grad den Klischees der Literatur, aus der sie stammen. Aber es ist eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Mitte des Jahres soll schon ein neues Buch von Mitchell herauskommen. Wie heißt es immer so schön: Man darf gespannt sein.