
Getreu meinen noch frischen Neujahrsvorsätzen geht es nun an die erste Filmkritik des Jahres, d.h. meines Lebens: "Match Point" von Woody Allen. Ausgerechnet! Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich den Film gut oder schlecht finde, und das passiert mir sonst nicht. Oder vielleicht doch? Normalerweise muss ich ja auch nicht darüber nachdenken, ob mir ein Film gefällt.
Es ist ja sehr viel über den Film geschrieben worden - nicht nur, weil über einen Film von WA natürlich immer viel geschrieben wird, aber dieser hier ist
1. Einer der ganz wenigen WA-Filme (wenn nicht überhaupt der einzige), der außerhalb der USA spielt
2. Einer der ganz wenigen (allerdings nicht der einzige), in dem WA nicht sich selbst an der Seite einer schönen jungen Frau spielt
3. All diese Neuerungen werden nach einem (relativen) Karriereknick eingeführt; die vorhergehenden Filme hatten allenfalls mäßige Resonanz. Da ist natürlich die Frage sehr interessant, ob das abgehen von den sonst üblichen Erfolgsrezepten geholfen hat.
Fast alle Kritiken, die ich gelesen habe, waren positiv bis jubelnd. Deshalb bin ich natürlich auch mit großen Erwartungen in den Film gegangen. Die wurden enttäuscht: der Film ist nicht großartig.
Er ist aber auch keine Katastrophe. Ich zähle mal auf, was ich gut fand:
Zunächst ist er wunderbar gefilmt. Da ist jemand am Werk, der sein Handwerk versteht; da der allergrößte Teil der Handlung einer steinreichen Londoner Familie folgt, ist es allerdings nicht besonders schwierig, schöne Schauplätze abzubilden. Viele britische Kritiker haben offenbar bemängelt, dass WA ein Touristen-London gezeigt hat, das viel verschenkt hat und der "wahren" Atmosphäre der Stadt nicht gerecht wird. Also, ich kenne selbst London nur als Tourist und habe sehr viel wiedererkannt und fand das in Ordnung und „very pretty“ und sehr London-ish. Das heißt vermutlich, daß die Briten recht haben. Wäre zB Paris auf diese Weise abgefilmt worden, hätte es auch wunderbar ausgesehen, wäre aber für Paris-Kenner (zu denen ich mich viel eher zähle) durchaus enttäuschend gewesen. Moment, das kippt ja hier schon ins Negative um! So weit sind wir doch noch gar nicht. Zurück zum Positiven:
Scarlett Johansson ist HEISS. Auf eine billige Art, aber das erfordert ihre Rolle ja. Sie spielt hervorragend und holt aus der Figur alles raus, was unter den Umständen nur möglich ist. (Es ist übrigens eine interessante Erfahrung, eine junge Schauspielerin auf dem Weg zum Superstar-Status eine gescheiterte junge Schauspielerin spielen zu sehen.) Die anderen Schauspieler sind bei weitem nicht so gut: Jonathan Rhys-Meyers in der männlichen Hauptrolle sieht ebenfalls sehr gut aus, scheint aber mit der Rolle überfordert. Oh, das ist schon wieder nicht wirklich positiv. Vielleicht lasse ich diese Einteilung einfach fallen und berichte erst einmal, worum es in dem Film geht: ein junger Tennislehrer (Rhys-Meyers) freundet sich mit einem reichen Schnösel an und trifft dessen Freundin, gespielt von Scarlett Johansson. In einem völlig unerwarteten und auch später nie mehr zu vermutenden Anfall von Draufgängertum flirtet er sie aggressiv an. Aber die aufkommende Leidenschaft muss zunächst unter dem Deckel bleiben, denn SJ (im Film: „Nola Rice“) ist ja mit dem Schnösel verlobt. Der Tennislehrer lernt aber dessen Schwester kennen, die – brauchbare schauspielerische Leistung – als sehr nett, gutartig, aber eher unsexy portraitiert ist. Sie verliebt sich in ihn, und die beiden heiraten, nicht ohne dass Tennislehrer vom reichen Vater beider Schnösel, der ein Patriarch aus dem Bilderbuch ist, auf einen Posten in seinem Firmenimperium gesetzt wird und dort in gefühlten 2 Wochen eine Karriere bis in die höchste Etage eines architektonisch reizvollen Glaskastens, von der aus man einen sehr schönen Blick über die Stadt hat, hinlegt. Nun, wo gerade alles wunderbar läuft und er im Luxus schwelgt, trifft er aber Nola zufällig wieder, und die Leidenschaft zwischen den beiden Emporkömmlingen flammt erneut auf. D.h. Nola ist nicht annähernd so weit empor gekommen wie er, denn Schnösel hat sie schnöde sitzen gelassen. Sie ist daher nur zu froh, Tennislehrer/Banker wieder zu treffen, und letzterer nimmt ausgedehnte Mittagspausen, um mit ihr Stunden voller Leidenschaft zu verleben. Dann aber lauert das Schicksal (=Nola wird schwanger), und er muss sich entscheiden zwischen der Frau, die er liebt, aber arm ist, und der, bei der es umgekehrt sich verhält. Wie es hier genau weitergeht, möchte ich nicht verraten, denn dann lohnte sich das Anschauen des Films wirklich nicht mehr. Denn das Ende ist immerhin der stärkste Teil des Films, und WA schafft es immerhin, dass man mitfiebert mit dem garstig handelnden Tennislehrer. Es gibt dramatische Momente, die gut dargestellt sind, und ein kluges Ende, das einen schönen motivischen Bogen (im wahrsten Sinne des Wortes) zum Anfang des Films schlägt (das Grundmotiv des Films, die Rolle von Glück und Zufällen im Leben, ist allerdings meist eher herbeigezwungen als elegant unter der Story hinwegverlegt). Dass allerdings zwei komische Detectives noch auftreten müssen, die aus einem anderen Film (nämlich einem Woody-Allen-Film) gefallen zu sein scheinen, relativiert den guten Eindruck wieder, der sich gerade einstellen wollte. Zumal sie den ernsten Grundton des Films völlig unnötig unterlaufen.
Der Film ist OK, allerdings ist er nur selten originell und trieft von Klischees über die britische Upperclass, talentfreie Schauspielerinnen und deren gespanntes Verhältnis zueinander. Das Leben ist ein Spiel, Bosheit wird nicht (immer) bestraft: ja, ja, is scho recht. "Böse, kalt und umbarmherzig" können wohl nur
Zeit-Kritiker einen letztlich recht harmlosen Film finden.
Der überdrehte Humor, der die guten Woody-Allen-Filme toll und die schlechten nervig macht, fehlt hier fast vollständig; das kann man gut oder schlecht finden. Also: man kann einen Kino-Abend auch schlechter verbringen. Allerdings auch wesentlich besser, wenn man sich zum Beispiel
Kiss Kiss, Bang Bang mit den phantastisch aufgelegten Robert Downey Jr. und Val Kilmer ansieht. Aber das ist eine andere Geschichte.