Caché


„Making-ofs“ sind Filme darüber, wie ein Film entstand; was der Regisseur gemeint hat, wie die Schauspieler glücklich sind, dabei gewesen zu sein. Vor allem wird der ganze, mit großem Aufwand zelebrierte Special-Effects-Hokuspokus entzaubert, indem alle Tricks und Manipulationen vorgeführt werden.

Die Filme von Michael Haneke brauchen kein Making-Of, denn sie bringen die Entzauberung ihrer selbst gleich mit. Caché beginnt mit einer langen Einstellung auf eine Straße in Paris; nichts passiert. Aber wir sind auch noch gar nicht im Film; dies ist eine Videoaufnahme, die dem bourgeoisen Literaten, der in dieser Straße wohnt, geschickt wird. Das bemerkt man, wenn sich die Einstellung plötzlich beschleunigt – der „Film“, das Video, wird vorgespult. Dann beginnt, sozusagen, der Film.

Der Literat hat eine Fernsehsendung. Die Nachrichten kommen; im Film, im Fernsehen. Wo sind wir jetzt? Was wissen wir? Wer informiert uns? Konsequent ist, dass Caché kein eindeutiges Ende und keine brachiale Moral hat. Vielleicht war es so: die bedrohlichen Videos und Zeichnungen stammen von einem Algerier, der im Elternhaus des Literaten wohnte, als dieser noch ein Kind war. Er war Waise geworden, weil seine Eltern während eines Übergriffs der Polizei während einer Demonstration von Algeriern ums Leben kamen. (Dieses Massaker bei der Demonstration ist historisch verbürgt – jetzt in der wirklichen Wirklichkeit – aber fast völlig totgeschwiegen worden). Der kleine Literat in spe sorgt aber mit allerlei Intrigen dafür, dass der kleine Algerier in ein Heim kommt. Jetzt will sich dieser auf subtile Weise rächen.

Aber vielleicht war es gar nicht so. Der Algerier streitet, zur Rede gestellt, glaubwürdig ab, etwas mit den Videos zu tun zu haben. Glaubwürdig? Aber wir sehen einen Film, das ist ein Schauspieler. Wenn er das kann, kann es ein echter Mensch auch so täuschen. Oder es war der Sohn des Algeriers? Und was ist mit der Frau des Literaten, hat sie eine Affäre? Was weiß der kleine Sohn, wird er manipuliert? Es gibt Momente, da schätzt man die Lage der Personen völlig falsch ein.

Natürlich ist das alles auch eine Allegorie auf den sog. War on Terror, bei der sogar die Rollen ethnisch korrekt besetzt sind: wer stößt hier erst vage Drohungen aus (Videobotschaften?!), bevor es zu einem unerwarteten Gewaltausbruch kommt? Wer möchte gern einen konkreten Feind haben, gegen den man anständig und traditionell vorgehen kann? Aber ist man nicht selbst schuld an all dem, was einem widerfährt, hat man nicht die erste Ursache gesetzt? Nur - das alles ist lange her, und man war jung, und man erinnert sich ohnehin nicht so genau, was damals eigentlich vorgefallen ist.

Ein brillanter Film ist das, auch wenn es keiner ist, in den man eintaucht, der einen mitnimmt und in dem man fiebert. Klassische Thrillersteigerungen mit dramatischem Finale gibt es genausowenig wie dräuende Musik; die Spannung ist so unterschwellig, wie sie das im wirklichen Leben wohl auch wäre. Was passiert (oh ja, es passiert etwas), passiert unerwartet. Das ist kein Manko, denn dafür ist es ein Film, der einen später nicht mehr so schnell loslässt. Ich konnte mir aber nicht verkneifen zu denken: es ist gut, dass nicht alle Filme so sind. Haneke verzichtet auf viel, das gerade die Faszinationen des Kinos ausmacht, und das hat bei ihm Methode; das Misstrauen gegen die filmischen Mittel ist Stärke und Schwäche zugleich (außerdem: das Mißtrauen hindert nicht großartige schauspielerische Leistungen: insoweit ist die Illusion perfekt). Dabei zeigt ein Film wie „A History of Violence“ wohl (ich habe ihn, leider, noch nicht gesehen), dass man auch gerade auch mit diesen filmischen Mitteln subversiv sein kann. Wenn ich einen leisten Zweifel an Haneke habe, dann der: haben wir Cinephilen als Zielgruppe nicht schon zu viele Making-ofs gesehen, brauchen wir die Belehrung über die Macht und die Ohnmacht der Bilder noch?

Juliette Binoche, die die Ehefrau des Literaten (Daniel Auteil) spielt, hat in einem Interview gesagt, die Filme von Haneke seien großartig und wichtig man müsse sie sich anschauen – aber nicht so oft. Das stimmt: diese Filme sind anstrengend. Die Wirklichkeit ist anstrengend, immer flattert alles durcheinander. Und es gäbe noch viel mehr zu sagen.

1 Kommentare:

in keinem interview mit haneke, in keinem artikel über haneke und keiner reportage zu seinen filmen fehlen die zwei worte: emotionale vergletscherung. kommunikationslosigkeit, soziale isolation und andere soziolgische fachtermini, die inzwischen allgemeingut geworden sind bishin zu realitysoaps im unterschichtenfernsehen im schmidzschen sinne, sollen uns die filmwelt hanekes verständlich machen. keine musikalische untermalung, keine lineare erzählweise und rückschnitte in die jugend der protagonisten verunsichern den seher umsomehr, bis, ja, bis ein moment höchster intensität kommt, der sich in den zuschauer einfrisst: der schnitt durch die kehle. ich selbst erlebe es so gut wie nie, daß mich etwas berührt, das so roh und blitzgleich ist. aus den stille der verunsicherung, der andeutung und der finalen fixierung durch die kamera erwächst ein klarer schnitt, wenige sekunden lang, versetzte er mich in wilde aufregung, ein schweißstoß und ein verspätetes schlagen der hände über die augen. das blut spritzt aus der zerschnittenen ader und der mensch bricht zusammen wie ein klappstuhl. ein mensch läuft aus wie ein schwein. das blut bleibt, der tod kommt und die kamera zwingt uns ihren regungslosen blick auf. nach diesem film war ich sicher, daß das verlangen nach einer direktheit, nach einer unmittelbarkeit nur schonungsloser konsequenz und minutiöser ausrichtung auf eine ende erwachsen kann. ab einem gewissen punkt ist wegzappen nicht mehr möglich. so endet auch der film, er lässt den seher verlassen und fragend zurück. der vorhang geht nicht mehr, die fragen bleiben weiter offen.

By tomski, at 28/3/06 19:06  

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