Capote



Den Roman In Cold Blood (in der deutschen ÜBersetzung Kaltblütig) von Truman Capote habe ich vor Jahren gelesen, mit 16 oder so. Davon ist nur eine ganz vage Erinnerung zurückgeblieben: zwei Männer dringen in ein abgelegenes Farmhaus in Kansas ein und erschießen nach längerer, erfolgloser Suche nach Wertgegenständen die gesamte, vierköpfige Familie. Das alles spielt Ende der 50er Jahre: Ein vor allem in der damaligen Zeit und am damaligen Ort furchtbares und, wie es immer so schön heisst, „sinnloses“ Verbrechen (dabei frage ich mich immer, ob es denn auch sinnvolle Verbrechen gibt). Da ich den Namen Capote immer nur mit diesem Buch in Verbindung gebracht habe, habe ich ihn mir lange als einen harten, Filterloserauchenden Krimischreiber à la Dashiell Hammett oder Elmore Leonard vorgestellt. Gut, das ist vorbei, spätestens seit ich den Film „Capote“ gesehen habe. Jetzt weiß ich: Truman Capote war ein New Yorker Salonlöwe, eine proud Schwuchtel mit Fistelstimme; jedenfalls jemand, dem man Frühstück bei Tiffany‘s deutlich eher zutraut als In Cold Blood.

Dies ist in etwa die Handlung, die sich auf den Zeitraum der Entstehung von In Cold Blood konzentriert: Truman Capote findet eines Morgens in der NY Times einen kleinen Bericht über das oben erwähnte Verbrechen in der US-Einöde und beschließt, dort zu recherchieren und einen Roman – den ersten Tatsachenroman der Weltliteratur, no less – darüber zu verfassen. Er reist also in den kleinen Ort, trifft sich mit den Officers, die am Fall dran sind. Bald sind die beiden Täter gefasst, und Capote entwickelt zu einem von ihnen eine merkwürdige, jedenfalls enge Beziehung: an einer Stelle sagt er darüber den (historisch verbürgten) Satz: „Es ist, als wären wir im gleichen Haus geboren; nur bin ich durch die Vordertür herausgegangen, und er durch die Hintertür“. Er sieht also in ihm eine Art Bruder im Geiste; es klingt an, dass auch Capote eine schwierige Kindheit hatte und vielleicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt, vielleicht auch nicht weit davon entfernt war, abzugleiten. Diese Faszination und beinahe (homoerotische?) Zuneigung scheint echt zu sein. Erst hilft er beiden noch, besorgt ihnen gute Anwälte, besucht sie im Gefängnis; schon da allerdings nicht ohne Hintergedanken, denn die beiden sind ja seine Hauptquelle für das Buch.

Das Bild ändert sich erst, als sich das Verfahren hinzieht, nicht zuletzt wegen der guten Capoteschen Anwälte: die Hinrichtung der beiden zögert sich immer weiter hinaus. Capote wird unruhig, denn solange beide noch am Leben sind, ist sein Roman nicht abgeschlossen; ein bißchen weiterleben müssen sie aber noch, denn sie haben noch nicht alles über die Mordnacht und damit das Kernstück des Romans preisgegeben. Als er letzteres endlich erfahren hat, hofft er auf ihren Tod und lehnt weitere Hilfe ab. Dann kommt er aber doch zur Hinrichtung. Aus schlechtem Gewissen, aus uneingestandener Zuneigung, oder weil das eine wichtige Szene im Buch sein wird? Das kann man nicht genau sagen. Die große Stärke des Films ist, dass er seiner Hauptperson glaubwürdig die Widersprüche läßt. Er ist eiskalt und berechnend, und er fühlt sich den beiden Mördern (einem mehr als dem anderen) sehr nahe. Er ist mal radikal egozentrisch und mal emotional. Das alles legt Philip Seymour Hoffman in seine Darstellung, und das bei einer Person, die es leicht machen würde, sie völlig unter ihren Eigenarten und Manien und Tics zu begraben. Das ist den Oscar wert und schon dafür lohnt der Film das Anschauen.

Er hat aber auch Schwächen. Ich habe kein Gefühl dafür bekommen, wie es in dieser Stadt in Kansas wirklich gewesen ist, obwohl ein großer Teil des Films dort spielt. Und auch das New York dieser Zeit bleibt sehr blaß. Besonders ist mir das aufgefallen an der Szene (bezeichnenderweise eine der besten des Films), in der Capote vorab vor großem New Yorker Publikum aus In Cold Blood liest: diese Schilderung des einsamen Orts in Kansas und seiner verängstigten Bewohner, mit dem der Roman beginnt, ist sehr viel eindrucksvoller, sagt viel mehr aus über die Auswirkungen des Verbrechens und die Atmosphäre dort als die Verfilmung. Da ist es wohl ein Handicap, dass Capote etwas von einem Theaterstück hat: nur wenig geschieht draußen, und nur in wenigen Szenen sind mehr als 3 oder 4 Personen im Bild.

Meine Empfehlung deshalb: erst den Film anschauen. Und dann, unbedingt, das Buch lesen. Das werde ich auch tun.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen


ich

neues


bilder


www.flickr.com

altes