Dogville


Auf DVD gesehen, was bei diesem Film keinen großen Unterschied macht. Übrigens war das auch mein erster Lars von Trier-Film: von Breaking the Waves und dem mit Björk habe ich immer vermutet, dass sie mir zu pathetisch sein würden, auch gegen Dogville hatte ich deshalb Vorbehalte.

Dogville ist ja auch pathetisch. Die Handlung ist schnell nacherzählt: eine schöne junge Frau (Nicole Kidman, die ich nicht ausstehen kann, die aber alles aus der Rolle rausholt) kommt, auf der Flucht vor Gangstern, in ein abgelegenes Dorf namens Dogville. Die Bewohner sind zunächst reserviert, nehmen sie dann aber doch auf, dafür soll sie leichte Haushaltsarbeit verrichten. Das macht sie ganz wunderbar, sie bringt mit ihren mitfühlenden und freundlichen Art sogar die alten Griesgrame und die strengen Frauen auf ihre Seite. Dann aber wendet sich das Blatt. Die Bewohner von Dogville stellen fest, dass die Arbeitskraft der jungen Frau sehr nützlich ist und geben ihr mehr und schwierigere Arbeiten. Außerdem wird ihnen klar, dass es ja ein gewisses Risiko darstellt, sie zu beherbergen: deshalb sei es ja nur gerecht, dass sie für dieses Risiko auch etwas bekommen. Zusätzliche Bezahlung muss also nicht unbedingt sein. Sehr schnell wird aus dem Wellness-Ausflug der Stadtschönheit ein Alptraum: die Dörfler versklaven das Mädchen, benutzen es als gratis-Hure und ketten sie schließlich sogar an, als ein Fluchtversuch misslingt. Am Ende, als die dauernde Vergewaltigerei der Männer droht, den Dorffrieden zu stören, verkaufen sie das Mädchen an die Gangster, die sie suchten. Es stellt sich aber heraus, dass das eine schlechte Idee war: Sie hatte sich vor ihrem Vater, einem großen Mafiaboss, versteckt. Und der vergibt ihr, die nicht in sein Business einsteigen wollte, schnell, ist aber gar nicht erfreut über die Behandlung, die sie in Dogville erfahren hat. Er macht der Tochter klar, dass sie doch mit ihrer ganzen Vergeberei und dem Verständnis die ganze Zeit eigentlich bloß arrogant sei, denn sie messe die Menschen nicht an ihren eigenen moralischen Maßstäben. Da sieht die Tochter ein, dass die Menschen überall gleich böse sind und man daher genauso gut Mafiaboss werden kann. Sie läßt ihren Vater das Dorf niederbrennen und alle Einwohner erschießen.

Viel geschrieben wurde ja vor allem über die radikale Idee, das ganze Stück auf einer fast leeren Bühne spielen zu lassen, auf der nur die Umrisse der Gebäude und die Straßennamen eingezeichnet sind. Ich finde, daß das funktioniert hat. Es zeigt einem die Stadt so, wie ein Bewohner sie vielleicht sehen würde: jeder kennt den anderen, man ist schutzlos ausgeliefert – und an den Rändern der Stadt, über die man nie hinauskommt, endet die Welt. Musik gibt es auch nicht, das ganze ist zu einem großen Teil mit Handkameras gefilmt, also eine Art Dogma 2.0: manchmal ergibt das sehr intensive Momente, gerade wegen der Reduktion der filmischen Mittel. Diese Atmosphäre von Distanz- und Ausweglosigkeit wird aber stark durch den Erzähler aus dem Off relativiert, der gewissermaßen durch den Film führt und zu allem ironische Kommentare abgibt. Das raubt dem Film viel von seiner Kraft: gleichzeitig intensiv sein und ein kühl sezierendes Lehrstück vorführen wollen, das verträgt sich schlecht miteinander. (Ich glaube, Brecht hat dieses Problem auch nie wirklich gelöst).

Ich mag Lars von Trier immer noch nicht, und ich habe immer noch keine Lust, mir seine anderen Filme anzusehen. Trotzdem hat mich dieser Film beeindruckt. Die Holzhammer-Moral geht in Ordnung, sie gehört eben zu einem Lehrstück dazu; dass Lars von Trier nicht „realistisch“ irgendwelche Verhältnisse abbilden will, macht er ja nun deutlich. Und dass es am Ende die Gangster sind, die zu Racheengeln werden, ist eine sehr böse Pointe. Dass man es hat kommen sehen: klar. Die Sicht ist ja auch frei.

1 Kommentare:

ich muss ja zunächst sagen: ich hasse dogmafilme! nichts ist schlimmer als der versuch eine sonderbare art von realismus im film erzeugen zu wollen; und das dann mit stark verwackelten bildern - unerträglich, da wird mir immer ganz schlecht vom zuschauen! und schon kommen wir zum ersten positiven aspekt von dogville: in einem absolut künstlichen raum entspinnt sich die geschichte um die weibliche hauptfigur. es gibt kamerafahrten, überblicksansichten von oben, etc.. die szenen die aus der hand gefilmt sind, sind nicht ganz so extrem verwackelt wie die in vinterbergs festen. dogmatypisch ist der minimalismus und reduktionismus zwar, aber doch sehr artifiziell. selten wird man auch mit tollen bildern, wie dem, wenn grace, unter einem tuch versteckt, auf einem karren durch die gegend gefahren wird. um es abzukürzen: diese "dogma 2" idee gefällt mir überaus gut, und hat mich im fall von dogville auch überzeugt.
ich habe den film zuerst im kino und später dann noch mal auf dvd gesehen. beide male war ich danach sehr beeindruck, ohne genau in worte fassen zu können warum, da es durchaus punkte gibt, die mir an dogville missfallen.
erst mal drängte sich mir ständig die frage auf: warum hat trier nicht ein theaterstück inszeniert? brecht wäre stolz auf ihn gewesen! aber theater hat im kino, meiner meinung nach, nichts verloren. anders gesagt: so sehr mich die form angesprochen hat, so sehr stößt sie mir in einem film auf. -- schwer zu beschreiben.
trier versteht ja durchaus etwas von seinem handwerk. die geschichte ist insesamt gut und in epischer breite erzählt, und wartet mit einem spektakulären ende auf. (hier wird es noch schwieriger, da ich eigentlich auch nichts weniger mag als moralisierende filme) und trotzdem: dieses karthatische ende des films ist ein würdiger höhepunkt, und erinnert an ein endzeitliches, apokalyptisches ende.
die einführung des erzählers, der zusätzlich noch einmal mehr für distanz sorgt, verstehe ich nicht als mangel. im gegenteil: vom film geht eine faszinierende kälte aus, die der ironisierende erzähler stützt. ein weiteres element, was den film auszeichnet.
es lohnt sich übrigens durchaus, auch wenn man den lars jetzt nicht soo mag, einmal dancer in the dark anzusehen! die filme funktionieren nach einem ähnlichem prinzip. lediglich das ende unterscheidet sich sehr stark. die wiederum weibliche hauptfigur (björk - allein deshalb lohnt es sich ja schon) erleidet dort, nach einem ählichem leidensweg, eine art von märtyrertod.

By christian, at 17/4/06 19:38  

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