Sensibel erzählte Schwierigkeiten


Gestern bei der Endausscheidung des Literaturwettbewerbs Prenzlauer Berg gewesen. Das war in der Aula der Volkshochschule in – natürlich – Prenzlauer Berg, ein genau richtig schulmäßig abgewrackter Ort für so eine Veranstaltung. Erstaunlich, wie schwach besucht es war – die Plätze waren ca. zu zwei Dritteln besetzt, und nach meiner persönlichen Schätzung waren vielleicht noch 10 PErsonen außer uns weder Teilnehmer noch Anhang der Teilnehmer noch Literaturagenten. Dabei ist der Preis, glaube ich, einer der renommierteren in Deutschland für Prosa von jungen Talenten.

Also, die jungen Talente. Gelesen haben am Ende 8, 2 Finalisten sind nicht erschienen: vier Männer und vier Frauen im Alter zwischen ca. 24 und 35. Und: entweder Männer können prinzipiell besser vorlesen, oder das hat sich in diesem Fall nur zufällig so ergeben. Und: entweder Männer neigen eher dazu, Geschichten mit einer Handlungsstruktur und Charakteren und all diesem traditionellen Kram zu erzählen, oder das hat sich in diesem Fall nur zufällig so ergeben. Eine Ausnahme allerdings: der Drittplazierte las – er las hervorragend – eine großartig surreal verdrehte Geschichte, in der Wörter und Gegenstände die Hauptrolle spielten. Ein paar der Frauengeschichten waren schwer erträgliche, verunglückt experimentelle Gebilde. Die kamen auf Platz 1 und 2. Nicht, dass ich etwas gegen experimentelle Literatur habe, das kann mir mit meinem Lyrikfanatismus nun wirklich nicht nachsagen. Aber verunglücktes Experimentieren ist grauenhaft, da oft eine Entschuldigung für schlechten Stil und vor allem Ideenlosigkeit. Die soliden Texte hatten offenbar, weil ihre – auch bei ihnen vorhandenen Mängel – der Jury wohl eher aufgefallen sind, dagegen keine Chance. Ob ich damit sagen will, die Jury hat sich vom pseudoanspruchsvollen Stil und problemschwerer Thematik (erster Platz: beziehungsgestörte Frauenproblematik, zweiter Platz: osteuropaorientierte Fluchtproblematik – oder so ähnlich, es war schwierig, wach zu bleiben) blenden lassen? Ja. Und nach den Ergebnissen anderer Wettbewerbe zu urteilen ist das oft so.

So langsam fange ich an zu ahnen, warum es der deutschen Gegenwartsliteratur so schlecht geht: gutes Handwerk, Ideen und Geschichten zählen wenig, dafür umso mehr Betroffenheitsprosa und sog. „innovative“ Formen. Das ist umso trauriger, als es die Leute, die Ideen und Geschichten haben, ja durchaus zu geben scheint.

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