Dave Eggers: A Heartbreaking Work of Staggering Genius


Dave Eggers' AHWOSG (so das offizielle Akronym, das die Kopfzeile jeder Buchseite ziert) habe ich Schatz zum Geburtstag geschenkt und es schließlich jetzt auch selbst gelesen. Ein klassisches Bumerang-Geschenk also? Naja, vielleicht ein bisschen; ich gebe zu, dass ich das Buch lange im Hinterkopf hatte und gerne mal lesen wollte, aber ich war mir auch sicher, dass es genau das richtige für Schatz ist.* Was es dann auch war.

Der Titel sagt schon sehr viel über das Buch aus: es schwankt zwischen Größenwahn und Selbstkasteiung wg. allzu großem Größenwahn. Es ist eine "Autobiographie", die zu dem Zeitpunkt einsetzt, als beide Eltern von Dave Eggers im Abstand von wenigen Wochen an Krebs sterben, als dieser so ca. 19 Jahre alt ist. Das ist sehr traurig, natürlich; und dabei ist das Leiden vor allem der Mutter völlig schonungslos beschrieben, das langsame dahinsiechen, zuhause, das Warten auf das Ende. Nach dem Tod der Eltern zieht DE mit seinem neunjährigen Bruder Toph nach Berkeley, wo sie eine Art Geschwister-WG haben. Das ist - teilweise - sehr lustig: sie sind jung und frei und schön und können unglaublich gut Frisbee spielen! Und teilweise auch nicht so lustig, denn so ein merkwürdiges Paar findet z.B. nicht so einfach eine Wohnung.

Und so geht es weiter im meistens aufregenden Leben der beiden (DE hat noch eine ca. gleichaltrige Schwester und einen älteren Bruder, aber die spielen eher Nebenrollen). In der zweiten Hälfte flaut das Buch allerdings etwas ab, was wohl einfach daran liegt, dass nicht jedem andauernd Schicksalsschläge und Wechselbäder der Gefühle widerfahren könnnen, obwohl das rein erzähltechnisch natürlich nicht schlecht wäre.

Das ist überhaupt das Schöne an dem Buch, dass das Tolle und das Furchtbare nicht sauber getrennt sind, damit man sich auf ein Gefühl anständig einstellen kann, sondern dass alles durcheinander geht. Eben wie im richtigen Leben? Ja, kann sein, weiß nicht. DE hat zumindest keine Angst, erzählerisch da hin zu gehen, wo's weh tut. Was immer auch bedeutet, dass all das ja wirklichen Personen passiert ist, die vielleicht ihr Leben nicht so ausgebreitet sehen wollen - das unangenehme Gefühl des Ausschlachtens der eigenen Lebensgeschichte ist im Buch immer präsent und wird sozusagen gleich mit ausgeschlachtet.

DE weiß genau, dass er ein grooßes Ego hat, und dass die Existenz dieses Buchs viel damit zu tun hat. Ein großes Mitteilungsbedürfnis, das vielleicht nicht ganz gesund ist, aber hey, trotzdem ist das Buch ja wohl toll, oder? Na also. Es gibt eine Szene, in der die ganze Malaise deutlich wird: DE will für seine Zeitschrift "Might Magazine" den Tod eines Semi-Prominenten fälschen und - eben mit der Todesnachricht - groß herauskommen, exklusiv versteht sich, denn der Semi-Promi ist ja gar nicht tot. Sie finden einen semi-abgehalfterten Serienstar, der sich darauf einlässt, und einerseits verachtet DE ihn - wie verzweifelt muss man sein, um bei so ewas mitzumachen? - andererseits weiß er ganz genau: Wie verzweifelt muss man sein, um auf so etwas überhaupt zu kommen?

DE kann toll und lebendig erzählen, und er hat eine Menge erlebt. Es wirkt unheimlich nah und echt und wahr - incredibly loud and extremely close, sozusagen, und tut dies gerade, weil DE ja eben schon genau konstruiert und weiß, was er tut. Und weiß, daß er weiß, was er tut, und das sogar in einem Anhang genau erklärt. Ist das schon die Postmoderne? Mist, ich wollte mich doch noch frisch machen.

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*: Meine Eltern haben einander schon mal echte Bumerang-Geschenke gemacht: ich erinnere mich an ein Weihnachten, da mein Vater eine Biographie der von Weizsäckers verschenkte, während meine Mutter ihn vergebens mit "Salz auf unserer Haut" zu beglücken suchte.

Anhang: Heute arbeitet DE als Herausgeber von McSweeney's, einer etwas anderen Literaturzeitschrift. Hier ist noch ein Interview mit ihm.




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