veröffentlicht am 23.8.06 von Jim Grund.
Daniel Kehlmann in der Herald Tribune über den "Fall Grass" - das beste, was ich bisher darüber gelesen habe. Ich denke, Daniel Kehlmann hat recht: die einzige logische Erklärung für Grass' Schweigen ist, dass er die Chancen auf den Nobelpreis nicht gefährden wollte. Hätte er ihn bekommen, wenn diese - eigentlich geringfügige - Verfehlung bekannt gewesen wäre? Höchstwahrscheinlich nicht, draußen warten hunderte Dissidenten mit ebenso großem literarischem Talent und blütenweißer Weste. Hatte Grass Angst vor Entdeckung zu Lebzeiten? Ich glaube auch, dass er eher an seinen Nachruhm gedacht hat und die Gefahr, dass die Geschichte irgendwann, wenn einer die definitive Grass-Biographie "vorlegt", herauskommen könnte. Das Ganze hat ja schon eine tragische Komponente - seine nervigen moralischen Anwürfe wären ja vermutlich eher noch wirkungsvoller, wenn er selbst auf die eigene, kleine Verstrickung und spätere Läuterung hätte hinweisen können. Ich denke, er hat mit dieser heftigen Reaktion nicht gerechnet und einfach unterschätzt, wieviele seiner Kollegen ihn
sowieso schon immer nicht besonders mochten und nur auf so etwas gewartet haben; ein bisschen wie Joschka Fischer bei der Visa-Affäre. Trotzdem hat er wohl - aus seiner Sicht - alles richtig gemacht: der Nobelpreis ist da, und diese leidige SS-Geschichte wird in ein paar Jahren nur noch eine Fußnote sein. Was bleibt, ist allenfalls der berühmte
fade Nachgeschmack.