Gefühltes Wasser


Ich muss mal ein paar Sätze von Jens Lönneker zitieren, der laut FAS im Rheingold Institut das Trinkverhalten der Deutschen untersucht. Ihm zufolge ging die Entwicklung des deutschen Trinkverhaltens etwa so:

Nach dem Krieg wollte man etwas richtiges ins Glas und trank Limo.

Stimmt, Großvater erwähnte so etwas. Richtig kernige Sachen, Schwarzbrot, grobe Leberwurst, dazu ne ordentliche Limo!

Ende der siebziger Jahre dann: mehr Narzißmus, daher: Mineralwasser. Denn nur im Mineralwasser kann man sich klar spiegeln, in Limo sieht man total gelb aus, und die Bläschen stören. Unästhetisch!

Heute aber:

Wir entlasten uns, arbeiten nicht mehr wie verrückt an unserem Styling. Dazu gehört, dass wir auch bei Getränken entspannen können und uns mal etwas Geschmack ins Wasser gönnen.


Stimmt, wer kennt das nicht? "Gott, waren wir damals in den 90ern crazy mit dem Styling. Ausgerastet, wenn uns jemand das Gel im Haar verwuschelte! Gott, was waren wir damals ahnungslos! Heute ist das voll ok, wenn mir jemand Geschmack ins Wasser kippt. Brombeer, Pfirsich, Pampelmuse? Total crazy eigentlich, aber was soll's? Heute weiß ich: das ist nicht das Ende der Welt. Das Ende der Welt, das ist Nepal. Die wichtigen Dinge halt: Weisheit, Stille, Paragliding. Ich kann heute stundenlang in ein Glas Wasser mit Pfirsichgeschmack schauen und darüber meditieren, dass das genauso aussieht wie Wasser ohne Geschmack. Das ist für mich Freiheit."

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