Die Zukunft von morgen beginnt immer schon heute.. Das ist schon klar, aber was ist mit der Zukunft von gestern? Und der Vergangenheit von heute? Vielleicht muss man sich da extra beraten lassen.



Unbedachte URLs: http://spadassin.blogspot.com/2005/11/webmasters-who-didnt-think-when-they.html. Sehr schön. Die Links funktionieren und die Betreiber haben wohl noch nichts von ihrem Glück gemerkt.



Berliner Unternehmergeist: das Restaurant in unserer Straße hat nach einem knappen halben Jahr aufgegeben (zugigste Ecke der Frankfurter Allee, kein Wunder), und man hat den Betreiberwechsel fast gar nicht bemerkt: das kurzlebige Lokal hieß DEISSEN, mit einer schönen roten Neonanzeige. Der neue Betreiber hat nur zwei Buchstaben abmontiert, und nun heisst es .E.SSEN. Der Name passt ganz gut: es gibt preiswerte, urdeutsche Küche, Schnitzel, Eisbein und so. Also Essen halt, wa. Bei so viel knausriger Kreativität hält der Laden sicher eine Weile länger durch. Außerdem hat er lt. Werbetafel 48 Biersorten vorrätig, sicher ein großer Wettbewerbsvorteil.



Gestern war ich Zeuge oder besser gesagt Opfer eines metaphysischen Zufalls: Carolin und ich waren bei einer Lyriklesung (alles auf englisch), und bevor es anfing, hatte Carolin ein Déjà-Vu-Erlebnis. Ich fragte: Déjà-Vu von gerade jetzt?, was sie empörte, denn ihrer Meinung nach könnte man nur von gerade Erlebtem ein Déjà-Vu haben. Aber ich sagte ihr, dass ich durchaus auch schon einmal mich beim Erinnern an schon vergangene Situationen so ein Erlebnis hatte (was stimmt, auch wenn es zugegebenermaßen selten vorgekommen ist). Das war also gewissermaßen ein D-V hoch 2, ein Ultra-D-V.
In einem der Gedichte ging es dann wieder um das Déjà-Vu, was ja zugegebenermaßen ein faszinierendes Phänomen ist und selbst eine metaphysische Note hat, auch wenn es wohl ganz langweilig mit irgendwelchen Rückkopplungen im Gehirn zu erklären ist, also eine Art mentales Feedback, wenn man so will. Doch damit nicht genug, es tauchte auch eine Zeile auf, die ungefähr so ging:
"That his most fascinating experience was to have a déja vu of past events".
Das ist schon verblüffend, oder? dabei schwöre ich, dass ich über Meta-Deja-Vus in meinem bisherigen Leben noch nie nachgedacht hatte, und dann gleich zwei Mal an einem Tag! Da fragt man sich ja doch, ob es nicht eine höhere Macht gibt. Und ob sie nichts besseres zu tun hat, als einen zu verarschen.
Es las übrigens auch ein kalifornischer Dichter, der heute Gastro-Kritiker für die Prague Post ist - ein Gedicht von ihm wurde einmal vom Tansanischen (?) Präsidenten in einer Rede vor der WORLD BANK CONFERENCE ON SCALING UP POVERTY REDUCTION (also wohl Reduzierung der Armut, insgesamt betrachtet) zitiert. Der Dichter erzählte, er habe dies beim Googeln seines eigenen Namens (wer tut das nicht gern hin und wieder?) herausgefunden - die Rede befindet sich auf dieser tansanischen (?) Webseite, die nun sicher bald unter dem internationalen Ansturm zusammenbrechen wird - und dem tansanischen Präsidenten gedankt, jedoch darauf hingewiesen, es ginge in dem Gedicht keineswegs um Poverty Reduction. Der Präsident habe geantwortet, das sei ihm bewusst, er habe das Gedicht aber einfach mal so zitieren wollen.
Der Dichter erzählte auch, er habe seinen Gedichtband "Tsunami" am 12.12.2004, also 2 Tage vor dem Tsunami, herausgebracht. Alles sehr merkwürdig.



PS: Außerdem ist es wahnsinnig lustig.



Übrigens ist eins der wichtigsten Werke der US-Postmoderne nicht ins Deutsche übersetzt und außerdem, soviel ich weiss, hier so gut wie unbekannt. Es handelt sich um Infinite Jest von David Foster Wallace, ein Buch von wahrhaft imponierendem Umfang - fast 1000 eng bedruckte Seiten und über 300, teilweise mehrere Seiten umfassende Fussnoten. Da ist eine Übersetzung natürlich schon ein Wagnis - wer kauft so etwas? Die Vermutung liegt nahe, dass sich diejenigen, die sich für so ein Riesenwerk interessieren, sowieso lieber das Original lesen. Ein bisschen seltsam ist es trotzdem, denn schließlich sind sonst alle wichtigen Bücher von "DFW" übersetzt, sogar sein erster, nicht viel kürzerer Roman namens "The Broom Of The System" / "Der Besen im System".

Aber worum geht es in Infinite Jest? (Der Titel ist eine Hamlet-Anspielung, von der es im Buch noch einige gibt: auf den Spassmacher Yorick, dessen Schädel Hamlet in Händen hält während des berühmten Monologs). Äußerlich betrachtet geht es zum einen um eine Tennisakademie und ihre diversen Bewohner, vor allem die Familie des Gründers, welcher gleichzeitig als Amateur-Filmemacher einen so faszinierenden Kurzfilm dreht, dass alle, die ihn sehen, nicht mehr damit aufhören können, bevor sie sterben. Eine kanadische Separatistenorganisation von Rollstuhlfahrern ist hinter diesem Film her, um damit die Regierung zu erpressen. Dann spielt noch ein Rehabilitationszentrum für Drogensüchtige eine wichtige Rolle. Es gibt mehrere Handlungsstränge, die parallel laufen, sich kurz treffen, wieder auseinander driften. Mehrere Dutzend Hauptpersonen. Natürlich ist der Roman nicht chronologisch erzählt, und die Zeitangaben sind im im Jahr 2009 (da spielt der größte Teil des Buches) durch "Subventionierte Zeit" ersetzt werden, d.h. dass jedes Jahr von einem Unternehmen aufgekauft wurde und den Namen dieses Unternehmens oder eines Produkts trägt ("Year of Dairy Products from the American Heartland"). Das Buch fängt mit dem Ende an, lässt allerdings den Teil der Handlung, in dem wohl das allerwichtigste passiert, einfach aus. Die Fussnoten habe ich schon erwähnt: man sollte sie alle lesen, denn viele sind sehr wichtig zum Verständnis der "Handlung". Es gibt dutzende Fremdwörter, mit denen sogar Muttersprachler ihre Schwierigkeiten haben (Ich gebe zu, ich würde das auch nicht gerne übersetzen).

Die großen Themen des Buchs sind Unterhaltung, in allen Formen, und was sie mit uns macht: Fernsehen, Drogen, Streben nach Perfektion, nach Macht. Also um so ziemlich alles, was das moderne Leben schwer macht: sich selbst einen Sinn finden, eine Person sein, eine darstellen: eine Maske finden. Viele Themen -wie die Maske - werden endlos variiert. Das Buch ist kompliziert und thematisch anspruchsvoll, metaphernreich und verzwickt, und trotzdem macht es ungeheuren Spass, es zu lesen, weil es voller unwahrscheinlicher, wunderbarer Geschichten steckt, die nicht etwa auf irgendeine Aussage hin konstruiert sind, sondern zutiefst (Klischee, ich weiss) menschlich und erschütternd und dabei plastisch und unzynisch erzählt (vielleicht hilft es, dass DFW versuchte, Tennisprofi zu werden *und* lange Zeit drogensüchtig war?). Ein Buch, das es einem nicht leicht macht: aber am Ende kann man stolz mit der Schwierigkeit des Buchs prahlen und verschweigen, dass das Lesen an Infinite Jest (oder fast) war. Außerdem sieht es toll aus im Regal mit dem breiten Rücken.



David Lynch ist schon seit zwei Jahren dabei, einen neuen Film zu drehen, lese ich gerade; zu Cannes nächstes Jahr soll er fertig sein. (Wann ist das eigentlich genau, immer?). Es ist doch immer wieder schön, wenn etwas passiert, ohne dass man darauf gewartet hätte. Denn ob man darauf wartet oder nicht: die Dinge passieren sowieso. Das ist das Dumme am Fan-Sein: das devote Warten hilft einem überhaupt nichts, das nächste Großereignis kommt für alle zur gleichen Zeit. Aber manche sehnen ja auch gerne, ich erinnere mich nur an den Mann mit viel Zeit, der ein halbes Jahr lang vor einem Kino irgendwo in den USA kampiert hat, um den neuen Star Wars-Film nicht zu verpassen.

Na ja. Also der Film soll jedenfalls Inland Empire heißen, es soll kein Skript geben/gegeben haben, und berühmte Schauspieler wie Laura Dern, Justin Theroux, Harry Dean Stanton und Jeremy Irons sollen mitspielen. Mehr Info gibt es unter www.lynchnet.com. Ich habe auch, da ich gerade in der David-Lynch-Phase schmore, entdeckt, dass es eine ganze Seite nur zu Mulholland Drive gibt, auf der man eine 67-seitige Analyse des Films (eng bedruckt) herunterladen kann. Ist es nun ein bisschen krank, sich so in einen Film hineinzusteigern und jeden Lampenschirm einzeln zu analysieren? Könnte man ja denken, andererseits gibt es auch Legionen an Professoren, die ihr Leben damit verbringen, herauszufinden, wo Proust in der Recherche Baudelaire zitiert hat, oder dass die Petites Madeleines ja die Initialen von Proust Marcel spiegeln. Dafür wird man hoch verehrt und nicht scheel angesehen, und ob Lynch ein viel schlechterer Künstler als Proust ist, steht dahin. Na gut, natürlich ist er kein Gigant wie Proust, aber, wie es so schön heisst: der Unterschied ist ein gradueller, kein prinzipieller. Ich fahre jetzt schon mal nach Cannes, brauch einen guten Platz für die Premiere.



Vor ein paar Tagen sah ich im Fernsehen einen Film, der in Paris spielte (ich glaube, es war auf Arte, dabei schaue ich sonst fast nie Arte, ehrlich) - das junge&attraktive Paar lief nachts durch die Stadt, und plötzlich meinte das Mädchen, oh, hier wohnt ein Bekannter von mir, ich werde ihn mal rufen. Gesagt, getan, sie rief seinen Namen in den zweiten Stock hoch, und irgendwann meldete sich der Bekannte, und eine weitere Hauptperson war eingeführt. Warum ich das alles erzähle? weil mir dabei auffiel, dass das hinaufrufen, gerne auch mitten in der Nacht, in Paris tatsächlich gang und gäbe ist - in meine damaligen Haus in Paris wurde jemand alle paar Tage von seinen Freunden rausgebrüllt, und der hatte auch noch den gleichen Namen wie ich. Das führte nur beim ersten Mal zu Verwirrung, denn ich selbst kannte niemanden, der das tat, und das war mir auch ganz recht so.
Ich frage mich nur, warum das eigentlich in F üblich ist und hier offenbar nicht oder viel weniger? jedenfalls habe ich das immer nur dort beobachtet. Vielleicht hängt es mit den Codeschlössern zusammen, mit denen fast alle Türen in Paris gesichtert sind? Wenn man dort jemanden besuchen will, braucht man die vierstellige PIN, die man an einer Geldautomat-artigen Konsole eingeben muss, sonst kommt man nicht ins Gebäude. Viele geben die Nummer aber auch nicht raus, weil sie fürchten, dass die Nummer über dunkle Kanäle an ebensolche Gestalten gelangen könnte (oder - weiss der Himmel warum), und müssen dann zur Strafe jedesmal runter, die Tür öffnen. Viele Pariser Häuser haben übrigens keinen Fahrstuhl. Was wollte ich damit sagen? - ach ja, die Herausruf-Sitte. Vielleicht liegt das Herausrufen psychologisch näher, wenn ohnehin jemand eher aus der Wohnung herauskommen soll als dass man selbst hineingebeten wird? Vielleicht entwickelt sich da eine ganz andere Zusammenkunft-Kultur, eine Lust am Kontakt über weite Distanzen mit archaischen Mitteln, Stimmgewalt, Rauchzeichen, dem modernen PIN-Kram ein Schnippchen schlagend? Na, sehr wahrscheinlich ist das nicht.

Apropos moderne Kommunikation: kommt es mir nur so vor, oder blieben früher die Leute auf der Straße öfter stehen, wenn sie auf dem Handy angerufen wurden, während sie heute einfach weitermarschieren?


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