Vielleicht sollte ich hier mal ein paar mehr persönliche Dinge schreiben. Also: Gestern sind Schatz und ich zu unseren respektiven Verwandtschaften gefahren: Schatz ist in Hannover ausgestiegen, ich fuhr weiter bis Düsseldorf. Beim Aussteigen in Hannover kam ich kurz mit heraus, um Schatzens Mutter Guten Tag zu sagen und Geschenke auszutauschen – sie ist eine große Schenkerin!, man kommt gar nicht mit bei dieser Schenkleidenschaft. Um Thomasmannschen Tagebuchtelegrammstil zu erproben: Zum Gruße ohne Jacke kurz draußen gewesen, das provisorische dieses Aufenthalts gespürt. Zurück im warmen Zuge, auf dem Weg zum reservierten Platz zwischen keuchenden Zusteigenden, die schwere Koffer voller noch nicht verschenkter Geschenkte verstauen: wunderbares Gefühl zwischen Daheimsein und Geworfenheit, At Home im Reisen.

Und morgen ist Heiligabend.



Wir haben einen neuen Mitbewohner!
Franz ist sehr kopfballstark.



Ich habe gerade eines der neueren Bücher von Max Goldt gelesen; dort beobachtet er sehr richtig – und ziemlich verblüffend, finde ich – dass ja noch Mitte der 90er Jahre das Handy als das Angeber-Utensil Nr. 1 galt, als ein reines Yuppie-Gadget, das niemand jemals wirklich brauchen würde. Tatsächlich gab es ja zu jener Zeit, irgendwo zwischen der Mantawitze- und der Blondinenwitze-Welle einige Handybenutzer-Witze. Einer von ihnen ging etwa so, dass ein fescher Yuppie an Bord eines Angeber-Sportwagens Aktienorder oder dergleichen in sein Handy brüllend durch die Stadt fährt, dann jemand direkt neben ihm in eine dringende Notlage gerät (bei junger Mutter setzen plötzlich die Wehen ein, zum Beispiel), die notleidende Person ihn anfleht, das Handy zum Herbeirufen von Rettungskräften zu verwenden, worauf er kleinlaut gestehen muss, dass es sich um eine Attrappe handelt (und der Sportwagen nur geleast, nehme ich an).
Hmmmm – genaugenommen ist das ja gar kein Witz, sondern mehr so eine Art Urban Legend. Na was soll‘s, es illustriert auf jeden Fall bestens Herrn Goldts und meinen Punkt, dass Handybenutzer früher scheel angeschaut werden, was heute so sehr nicht mehr der Fall ist, dass sich kaum noch jemand an die Zeiten erinnert, da noch nicht jeder Deutsche 1,2 Handys besaß. (Man könnte sich auch fragen, was bei dieser Sachlage aus dem Berufsstand der Handyattrappenhersteller geworden ist – eine Suchanfrage bei Google mit dem Begriff „Handyattrappenhersteller“ ergibt genau 0 Resultate, was die Vermutung nahelegt, es geht ihnen nicht so besonders).
Eigentlich wollte ich aber auf die Frage zu sprechen kommen: wenn sich damals niemand vorstellen konnte, dass so ein verlachtes Nischenprodukt mal ein banales Alltagswerkzeug werden könnte – auf was könnte das wohl heute zutreffen? Mir ist dazu nichts rechtes eingefallen (Zuschriften erbeten). Ich kann mir allerdings durchaus vorstellen, dass es in näherer Zukunft sehr normal sein wird, sog. Headsets zu benutzen und damit durch die Stadt zu laufen; am besten finde ich die Leute, die (den ganzen Tag?) ein silbriges Bluetooth-Klonk am Ohr tragen und damit aussehen wie aus Star Trek, und zwar auch, wenn niemand anruft. Ja gut, das wird vielleicht bald normal, aber das Objekt von Witzen sind solche Leute nicht, soweit ich weiss.
Überhaupt ist es ja äußerst schwer, Abstand von der eigenen Epoche zu gewinnen, selbst wenn man unter „Epoche“ nur die letzten 10 Jahre or so versteht. Im Philosophie-Unterricht in der Schule wurde mal gefragt, was künftige Generationen einmal an unserer Epoche einmal als moralisch extrem verwerflich und unnachvollziehbar erscheinen könnte. Ausgangspunkt war gewesen, dass ja im alten Griechenland nicht einmal die großen Philosophen, die die Ethik praktisch erfunden haben, etwas an der Sklaverei auszusetzen hatten. Ich meinte, vielleicht würde man Gefängnisse einmal für unmöglich halten. Das konnten meine Mitschüler gar nicht verstehen, Gefängnisse seien doch notwendig, wohin sonst mit den Verbrechern etc. etc. Klar, das meine ich auch, aber die Frage war ja nicht, was man JETZT richtig findet, sondern was sich vielleicht IRGENDWANN EINMAL als moralische Wertung überlebt haben könnte.
Gut, das hat jetzt mit Handys nicht mehr viel zu tun. Aber es zeigt doch immerhin eines: schon damals in der Schule war ich klüger und sensibler als meine Mitschüler*!

*: Ironie**.

**: Größtenteils.



Wenn man "Wenn man den Begriff bei Google eingibt" bei Google eingibt, erhält man 17.300 Resultate. Das ist der Beweis: alle Journalisten geben nur noch Begriffe bei Google ein und geben dann stolz bekannt, wieviele Suchergebnisse sie erhalten haben. Das ist dann der Beweis: das jeweilige Thema ist so unglaublich angesagt, dass sich 120.000 Webseiten damit intensiv beschäftigen. Ob nun Snowboarden, Kameras hochwerfen und dann Fotos machen, Hommingberger Gepardenforellen züchten - alles ist einfach unwahrscheinlich präsent und verfügbar. Heute wieder im SPIEGEL Belege dafür, dass Mozart die Welt beherrscht:
- Im Hauptbahnhof Kyoto gibt es ein Mozart-Cafe
- Die kleine Nachtmusik ist ein Klingelton
- Bei Anfrage nach seinem Namen wirft die Suchmaschine Google innerhalb von 0,07 Sekunden 19 900 000 Seiten aus.

Donnerwetter! Mozart ist berühmt!



Ha! Churchill hat gar nicht gesagt "blood, sweat and tears", sondern - um es etwas ausführlicher komplett zu zitieren -
I would say to the House, as I said to those who have joined this Government: 'I have nothing to offer but blood, toil, tears, and sweat.'

Trotzdem klingt die weithin bekannte Version doch deutlich besser zusammen, also noch ein Beispiel dafür, dass geflügelte Worte oft besser sind als die ursprünglichen Versionen. Gorbatschow hat ja angeblich auch nie den berühmten Satz mit dem Zuspätkommen gesagt, sondern irgendein Journalist hat es wohl so hingebogen, oder mehrere Zitate zusammengezogen, genau ließ es sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls - das ist ja auch so eine Wendung, von der man sich gar nicht mehr vorstellen kann, dass es sie einmal nicht gegeben hat, und dann hatte sie keinen richtigen Autor, sondern höchstens ein paar Geburtshelfer.
Churchill ist ja bekannt als einer der größten Sprücheklopfer aller Zeiten, und er hat ja wirklich sehr viele kluge und eindrucksvolle Dinge gesagt, wie einem die Sammlung auf Wikiquote - wo ich natürlich auch obiges entdeckt habe - eindrucksvoll demonstriert. Nach der Lektüre will man sofort rausgehen und sein Land verteidigen. Viele Dinge werden ihm allerdings auch zugeschrieben, die er in Wirklichkeit gar nicht gesagt hat (Tja, wer hat, dem wird gegeben!), so etwa dies hier:
I gather, young man, that you wish to be a Member of Parliament. The first lesson that you must learn is, when I call for statistics about the rate of infant mortality, what I want is proof that fewer babies died when I was Prime Minister than when anyone else was Prime Minister. That is a political statistic.
Dessen Kurzform noch bekannter ist: "Ich glaube nur an Statistiken, die ich selbst gefälscht habe".

Jetzt habe ich auch was zu Gorbatschow gefunden: Er soll 1989 zu Honecker gesagt haben: "Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren." Das ist etwas holprig, aber sinngemäß ziemlich ähnlich. Entweder er selbst oder jemand anders hat das dann "verbessert".



Faz.net hat unter "Gesellschaft" die Unterthemen "Kriminalität" und "Katastrophen" (und natürlich das übliche wie "Gesundheit" und so). Irgendwie kommt einem das komisch vor, oder? So ungewohnt ehrlich... man kann sich ja kaum vorstellen, dass es in einer Print-Zeitschrift solche Rubrikenüberschriften gibt. Bei BILD et al wäre das ja sowieso überflüssig, denn von etwas anderem handelt das Blatt ja eh nicht. da könnte man das ja höchstens direkt in den Untertitel schreiben: "BILD. Unabhängig. Parteilich. Katastrophen, Sexmonster, Titten." Oder so ähnlich. In dem Zusammenhang ein schöner Link für alle, die's noch nicht kennen: bildblog.de spießt alle sachlichen Fehler auf, die Bild und BAMS machen - an manchen Tagen gleich ein halbes Dutzend auf einmal. Ist eines der erfolgreichsten Blogs in Deutschland, was einem ja fast wieder Hoffnung gibt für den STANDORT DEUTSCHLAND. In diesem Sinne!



Vorgestern gab es eine Demo auf der Frankfurter Allee: ca hundert Motorradfahrer paradierten in Weihnachtsmannkostümen, begleitet von Polizisten auf Motorrädern in ihren üblichen grünen Kostümen. Wie einem großen Plakakt auf dem voranfahrenden Lastwagen mit Dixieland-Band zu entnehmen war, demonstrierten sie für Kinder in Not, allerdings ohne eine Kontonummer anzugeben. Die Kolonne kam gerade stadteinwärts gerollt, als sämtliche Ampeln an der Frankfurter Allee ausgefallen waren (Zufall?), und machten das entstehende Verkehrschaos noch größer, kamen aber problemlos durch, die Polizeibegleitung half da sicherlich. Als sie an uns vorbeifuhr, die wir gerade von einem Spaziergang heimwärts strebten, kam ein kleines Punkmädchen an uns vorbei, lief an den Straßenrand und rief den Weihnachtsmännern on Wheels auf Französisch etwas durch ihr mitgebrachtes Megaphon zu. Was das war, konnte ich allerdings nicht verstehen: es waren ziemlich viele Harleys dabei.



mal etwas ganz anderes: Golfbälle, die sich verfärben, wenn sie an die Sonne kommen. So sieht das ganze auf der Webseite des Herstellers aus - zugegebenermaßen ein bisschen schwer zu verstehen, wie es genau funktioniert. Vielleicht ein gutes Weihnachtsgeschenk? ah, Moment, die Dinger scheinen im Ausland nicht erhältlich zu sein. Schade, schade...



Ich kann es nicht ändern, aber hier kommt schon wieder ein Post über einen in D sträflich vernachlässigten US-Autor: nämlich William T Vollmann. Ich stelle aber wohl am besten gleich klar, dass ich bisher noch nichts von ihm gelesen habe, sondern das nur glühend vorhabe. WTV, wie ich ihn ab jetzt nennen will, gilt schon deshalb als Kurisität, weil er unglaublich viel publiziert: er hat angeblich schon an die 60 Bücher geschrieben (er ist höchstens 50 Jahre alt), die zum größten Teil richtige Schinken sind. Das macht den Zugang natürlich nicht gerade einfacher, und dann kommt für deutsche Leser der Umstand dazu, dass lt. Amazon nur ein einziges seiner Bücher übersetzt ist, und das ist komischerweise ein sehr frühes, eine Reportage über den Afghanistan-Krieg.

Das Hauptwerk Vollmanns ist ein über 3000-seitiges Werk namens "Rising up and Rising Down", das das Thema der menschlichen und v.a. gesellschaftlichen Gewalt in allen Facetten - mit Reportagen, Geschichten, Fotos etc. - aus den unterschiedlichsten Orten und Zeiten beleuchtet. Er scheint überhaupt ein ziemliches Faible für geschichtliche Stoffe zu haben: sein neuestes Buch, Europe Central (auch ein ziemlicher Wälzer übrigens) spielt in Europa Anfang des 20. Jahrhunderts und lässt viele historische Figuren zu Wort kommen, u.a. auch (das habe ich in Erinnerung behalten) Schostakowitsch.

Trotz der unglaublichen Produktivität ist WTV, nach allem was man hört, ein brillanter Stilist. Er ist schon früh mit Thomas Pynchon verglichen worden und mit William Gaddis und mit anderen postmodernen Helden, scheint aber doch eher konservativer in den Erzählstrukuren zu sein als diese. Was ihn aber vollends ungewöhnlich macht, ist dass er offenbar ein absolut furchtloser Rechercheur und Reisender ist, der sich schon in mehreren Kriegsgebieten getummelt hat - d.h.: anders als wiederum seine Produktivität vermuten lässt, kennt er die Welt nicht nur aus der Schreibtischperspektive. Dass das dem Schreiben nur gut tun kann, ist ja klar (man fragt sich nur, woher er für all das die Zeit nimmt. Vermutlich konzentriert er sich).

Das sind für mich jedenfalls mehr als genügend Gründe, um es einmal mit ihm zu versuchen, obwohl ich mich historische Stoffe eigentlich eher weniger erwärmen kann. Nach dieser Seite, die eine kleine Starthilfe geben will, soll die Sammlung von Kurzgeschichten (fast 600 Seiten, na schön) ein guter Einstieg sein. Ich werde dann wieder berichten - bis dahin: bleiben Sie mir gewogen, liebes nichtexistentes Publikum.


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