David Mitchell - Cloud Atlas


David Mitchell ist ein junger britischer Autor, der in seiner Heimat schon recht bekannt ist. Für seine ersten zwei Romane, nämlich Ghostwritten (1999) und number9dream (2001) hat er mehrere Preise erhalten und war sogar mit letzterem in der Endauswahl für den Booker Prize. Bis jemand wie er vielleicht auch in Deutschland entdeckt wird, dauert es erfahrungsgemäß sicher noch ein paar Jahre bzw. Bücher, das ist bei Leuten wie A.L. Kennedy oder Ian McEwan ja auch nicht anders gewesen. Und number9dream ist (unter dem leider ziemlich nichtssagenden Titel Chaos) immerhin schon übersetzt. Cloud Atlas ist sein drittes Buch, es ist 2004 herausgekommen.

Die Struktur von Cloud Atlas ist ungewöhnlich, man kann es eigentlich keinen Roman nennen, obwohl das Buch weit umfangreicher ist als so mancher „Roman“ anämischer deutscher JungschriftstellerInnen. Es handelt sich nämlich nicht um einen auch nur einigermaßen fortlaufenden Erzählstrang, sondern um gleich sechs davon, die in zeitlich recht weit auseinander liegenden Epochen spielen, und deren Personal sich, bis auf eine kleine Ausnahme, nicht überschneidet. Die Verknüpfung zwischen diesen Episoden ist auf den ersten Blick sehr lose: so handelt der erste Abschnitt von den Abenteuern eines jungen amerikanischen Schiffsreisenden in die Karibik im frühen 19. Jahrhundert. Dieser Bericht, als Seetagebuch der Hauptperson angelegt, bricht plötzlich – mitten im Satz – ab und wir befinden uns im Belgien der 30er Jahre, wo ein junger und talentierter britischer Komponist in Briefen an seinen Lover daheim berichtet, wie er sich bei einem berühmten, aber tattrigen Kollegen einnistet (und dabei sein Meisterwerk, die Cloud Atlas Suite (sechsteilig!), komponiert) und dessen Frau verführt. Besagter Komponist findet den Reisebericht, der den Anfang des Buchs ausmacht, in der Bibliothek seines Gastgebers, allerdings nur den ersten Teil. Die Briefe des Komponisten bilden wiederum die Brücke zur nächsten Geschichte, in der deren Empfänger, Jahrzehnte später, eine Rolle spielt. Und so geht es weiter in die Zukunft: die fünfte Geschichte spielt mindestens 100 Jahre in der Zukunft, in einer stark von „Brave New World“ abgeschauten Umgebung, die nächste in einer wüsten Welt nach dem Zusammenbruch des Großteils der Zivilisation. Dieser Teil ist der einzige, der nicht unterbrochen wird; in der zweiten Hälfte des Buches werden die angefangenen Geschichten in umgekehrter Reihenfolge vollendet, so dass wir ganz zum Schluss wieder bei unserem unglücklichen, kranken Schiffsreisenden angelangt sind. Die Stories stecken also ineinander wie diese russischen Matroschkas.

Ohne zu viel verraten zu wollen: die Geschichten selbst spielen oft mit Genre-Klischees, sind Thriller, Gangstergeschichten, Science-Fiction und klauen sich ungeniert durch die hohe und niedere Literaturgeschichte von Le Carré bis Aldous Huxley und zurück. Dabei bringen sie allerdings schon wieder Dinge zusammen, die man sonst nie gemeinsam in einem Buch findet, und Mitchell schreibt weit besser, als es die Autoren solcher Literatur normalerweise tun. Gleichzeitig bieten diese unterschiedlichen Spielfelder dem Autor die Möglichkeit, seine ungeheuren sprachlichen Fähigkeiten zu präsentieren: da schreibt der Schiffsreisende altmodisches Englisch, die Bewohner des 22. Jahrhunderts aber ein originelles Neusprech, in der z.B. viele Markennamen zu Gattungsbezeichnungen geworden sind: Schuhe sind „nikes“, jedes Getränk ist „coke“, usw. Der Untergang der Zivilisation in der zentralen Geschichte schlägt sich nieder in einem Kauderwelsch-Englisch, das schwer zu lesen ist, aber perfekt durchgehalten wird.

Nun könnte man auf die Idee kommen, hier hätte einer einfach sechs Erzählungen genommen und sie mehr schlecht als recht zu einem größeren Werk zusammengelötet, auf dass es sich besser verkaufe als ein Band mit bloßen „Stories“. Aber das Besondere ist eben gerade, dass der innere Zusammenhang sich nicht aus der Handlung bzw. den Handlungen ergibt, sondern aus Motiven, die hinter all diesen Geschichten stehen: der Schiffsreisende erlebt den kolonialen Dünkel seiner Landsleute gegenüber den „Wilden“, eine zur Arbeit gezeugte „Fabrikantin“ in der Kastengesellschaft der Zukunft emanzipiert sich, um nur zwei Beispiele zu nennen. Es geht um Abgrenzung, Gier, Neid und vor allem um Machtausübung in allen Bereichen des menschlichen Lebens. Es ist fast eine Quadratur des Kreises, dass einem diese Fragen nicht aufgedrängt werden, sondern sich erst nach und nach einstellen bei der Lektüre von Geschichten, die einen glänzend unterhalten.

Perfekt ist das Buch nicht: man hat eigentlich nie genug Zeit, mit einer der Personen richtig warm zu werden, um kaum eine wird psychologisch tiefgehend gezeichnet. Das liegt natürlich auch an der Genre-Anlage: die meisten Figuren sind eher Typen als Charaktere und entsprechen bis zu einem gewissen Grad den Klischees der Literatur, aus der sie stammen. Aber es ist eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Mitte des Jahres soll schon ein neues Buch von Mitchell herauskommen. Wie heißt es immer so schön: Man darf gespannt sein.



Vielleicht ist jemand schon einmal in einem fremden Badezimmer aufgewacht und hat sich gefragt, warum die Luft so schlecht ist, um später zu merken, dass der Grund das bei jedem Einatmen mit hochgezogene eigene Erbrochene ist, das sich übrigens später aus dem Naseninnenraum nur unter Mühen wieder entfernen läßt. Wer diese oder ähnliche Erfahrungen zu den eigenen zählt, hält sie vermutlich für einen Tiefpunkt im Leben (außer, die Erfahrungen haben sich seitdem ständig wiederholt). Was ein Tiefpunkt im Leben ist, weiß man aber erst, wenn man sich in einem Frauenfitnesstudio angemeldet hat. Ich war neugierig, alle anderen hatten es auch schon getan und da habe ich es eben einmal ausprobiert. Irgendwann merkt man, dass man ziemlich tief drinsteckt und sich mit Leuten abgibt, die man früher zum Abschaum zählte.


Zur Frage, warum es überhaupt Frauenfitnessstudios gibt, werden zwei verschiedene Ansätze vertreten: Der eine lautet, dass die attraktiven Frauen nicht belästigt, der andere, dass die häßlichen nicht beobachtet werden wollen. Leider scheint Variante b) in meinem Studio die deutlich überwiegendere Motivation gewesen zu sein. Der Unterschied zwischen einem normalen Club und einem Frauenfitnessstudio besteht zunächst darin, dass es bei den Nichtmännern viel mehr Geräte für den Unterkörper gibt als für den Oberkörper, und dass Trainerinnen einem nicht glauben, wenn man bekundet, man wolle nicht abnehmen, sondern nur mehr Trizeps. Der andere Unterschied ist, dass Frauen zueinander offensichtlich grundsätzlich unhöflich sind. In der Sauna grüßt man sich nicht, und anstatt nachzufragen, ob das Gerät bald frei wird, starrt man sich nur feindselig an.


Über einigen Geräten hängen Fernseher, auf denen in völliger Verkennung der Bedürfnisse vierzigjähriger verfetteter Zicken ausschließlich VIVA läuft. Da Managementstrategie und Kundenwunsch nicht vollends zueinander fanden, ist der Platz auf dem Gerät vor dem VIVA-Fernseher oft frei. Gern sehe ich den SMS-Nachrichten zu, die unten eingeblendet werden, und die entweder persönlicher (“Melanie aus Gütersloh, ich liebe Dich! Jojo”) oder feuilletonistischer Natur sind (“Tokio Hotel, ihr seid die Besten! Nadine”). Neulich aber lief ein Video von Madonna. Was für ein Trizeps! Sicherlich keiner aus dem Frauenfitnessstudio.



http://www.guardian.co.uk/arts/critic/feature/0,1169,931796,00.html
"Rothko's Seagram murals are on permanent display at Tate Modern, in association with BT."
Heilige Ironie.




ganz schön kalt, heute, wa?


Randwörterbücher


Habe heute eine tolle Seite entdeckt: www.doubletongued.org. Es ist ein Online-Wörterbuch für "words from the fringes of English", also neue oder sozial benachteiligte Wörter, z.B. "muffin top" für wabbeliges Fleisch, das über dem Hosenbund hervorwabbelt. Vielleicht braucht jemand eine Erinnerung daran, wie ein Muffin aussieht, um den Witz zu verstehen? (hat natürlich nicht das geringste mit dem aktuellen körperlichen Zustand des Autors dieser Zeilen zu tun).

Jetzt muss ich da aber noch was appetitlicheres finden....

Ah, the three plastic animals rule: da geht es um die Trennung von Staat und Kirche. Doch, wirklich!

n. the legal determination that secular symbols in a government-sponsored year-end seasonal display (such as a Nativity scene) can mark it as not endorsing a specific religion or religion in general.
Oder, noch genauer:

In the past, the Supreme Court has subscribed to what lawyers call a “three plastic animals” rule for religious displays: If a crèche in a town square, for example, is surrounded by a wishing well and a laughing clown, it’s constitutional. The logic is that reasonable observers perceive unadorned religious displays to be endorsements of religion, while the addition of kitschy accoutrements turns the display into a celebration of Americana.
Das wäre doch eine ausbaufähige Rechtsprechung. Wusste das BVerfG davon bei der Kruzifix-Entscheidung? Vielleicht könnten die bayerischen Schulen die Kruzifixe hängen lassen, wenn sie daneben ein paar röhrende Hirsche und Bergseen im Gegenlicht in barocken Goldrahmen hängen, so dass das Ensemble nach einer bloßen Zelebration von Bavariana aussieht?


Etwas entfernt dem Wörterbuch ähnliches macht Monika Rinck auf ihrer Seite www.begriffsstudio.de, da geht es allerdings mehr um Wortneuschöpfungen - also worttechnische Eintagsfliegen. zB Geckoblaster (1881).


Match Point














Getreu meinen noch frischen Neujahrsvorsätzen geht es nun an die erste Filmkritik des Jahres, d.h. meines Lebens: "Match Point" von Woody Allen. Ausgerechnet! Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich den Film gut oder schlecht finde, und das passiert mir sonst nicht. Oder vielleicht doch? Normalerweise muss ich ja auch nicht darüber nachdenken, ob mir ein Film gefällt.

Es ist ja sehr viel über den Film geschrieben worden - nicht nur, weil über einen Film von WA natürlich immer viel geschrieben wird, aber dieser hier ist
1. Einer der ganz wenigen WA-Filme (wenn nicht überhaupt der einzige), der außerhalb der USA spielt
2. Einer der ganz wenigen (allerdings nicht der einzige), in dem WA nicht sich selbst an der Seite einer schönen jungen Frau spielt
3. All diese Neuerungen werden nach einem (relativen) Karriereknick eingeführt; die vorhergehenden Filme hatten allenfalls mäßige Resonanz. Da ist natürlich die Frage sehr interessant, ob das abgehen von den sonst üblichen Erfolgsrezepten geholfen hat.

Fast alle Kritiken, die ich gelesen habe, waren positiv bis jubelnd. Deshalb bin ich natürlich auch mit großen Erwartungen in den Film gegangen. Die wurden enttäuscht: der Film ist nicht großartig.
Er ist aber auch keine Katastrophe. Ich zähle mal auf, was ich gut fand:

Zunächst ist er wunderbar gefilmt. Da ist jemand am Werk, der sein Handwerk versteht; da der allergrößte Teil der Handlung einer steinreichen Londoner Familie folgt, ist es allerdings nicht besonders schwierig, schöne Schauplätze abzubilden. Viele britische Kritiker haben offenbar bemängelt, dass WA ein Touristen-London gezeigt hat, das viel verschenkt hat und der "wahren" Atmosphäre der Stadt nicht gerecht wird. Also, ich kenne selbst London nur als Tourist und habe sehr viel wiedererkannt und fand das in Ordnung und „very pretty“ und sehr London-ish. Das heißt vermutlich, daß die Briten recht haben. Wäre zB Paris auf diese Weise abgefilmt worden, hätte es auch wunderbar ausgesehen, wäre aber für Paris-Kenner (zu denen ich mich viel eher zähle) durchaus enttäuschend gewesen. Moment, das kippt ja hier schon ins Negative um! So weit sind wir doch noch gar nicht. Zurück zum Positiven:
Scarlett Johansson ist HEISS. Auf eine billige Art, aber das erfordert ihre Rolle ja. Sie spielt hervorragend und holt aus der Figur alles raus, was unter den Umständen nur möglich ist. (Es ist übrigens eine interessante Erfahrung, eine junge Schauspielerin auf dem Weg zum Superstar-Status eine gescheiterte junge Schauspielerin spielen zu sehen.) Die anderen Schauspieler sind bei weitem nicht so gut: Jonathan Rhys-Meyers in der männlichen Hauptrolle sieht ebenfalls sehr gut aus, scheint aber mit der Rolle überfordert. Oh, das ist schon wieder nicht wirklich positiv. Vielleicht lasse ich diese Einteilung einfach fallen und berichte erst einmal, worum es in dem Film geht: ein junger Tennislehrer (Rhys-Meyers) freundet sich mit einem reichen Schnösel an und trifft dessen Freundin, gespielt von Scarlett Johansson. In einem völlig unerwarteten und auch später nie mehr zu vermutenden Anfall von Draufgängertum flirtet er sie aggressiv an. Aber die aufkommende Leidenschaft muss zunächst unter dem Deckel bleiben, denn SJ (im Film: „Nola Rice“) ist ja mit dem Schnösel verlobt. Der Tennislehrer lernt aber dessen Schwester kennen, die – brauchbare schauspielerische Leistung – als sehr nett, gutartig, aber eher unsexy portraitiert ist. Sie verliebt sich in ihn, und die beiden heiraten, nicht ohne dass Tennislehrer vom reichen Vater beider Schnösel, der ein Patriarch aus dem Bilderbuch ist, auf einen Posten in seinem Firmenimperium gesetzt wird und dort in gefühlten 2 Wochen eine Karriere bis in die höchste Etage eines architektonisch reizvollen Glaskastens, von der aus man einen sehr schönen Blick über die Stadt hat, hinlegt. Nun, wo gerade alles wunderbar läuft und er im Luxus schwelgt, trifft er aber Nola zufällig wieder, und die Leidenschaft zwischen den beiden Emporkömmlingen flammt erneut auf. D.h. Nola ist nicht annähernd so weit empor gekommen wie er, denn Schnösel hat sie schnöde sitzen gelassen. Sie ist daher nur zu froh, Tennislehrer/Banker wieder zu treffen, und letzterer nimmt ausgedehnte Mittagspausen, um mit ihr Stunden voller Leidenschaft zu verleben. Dann aber lauert das Schicksal (=Nola wird schwanger), und er muss sich entscheiden zwischen der Frau, die er liebt, aber arm ist, und der, bei der es umgekehrt sich verhält. Wie es hier genau weitergeht, möchte ich nicht verraten, denn dann lohnte sich das Anschauen des Films wirklich nicht mehr. Denn das Ende ist immerhin der stärkste Teil des Films, und WA schafft es immerhin, dass man mitfiebert mit dem garstig handelnden Tennislehrer. Es gibt dramatische Momente, die gut dargestellt sind, und ein kluges Ende, das einen schönen motivischen Bogen (im wahrsten Sinne des Wortes) zum Anfang des Films schlägt (das Grundmotiv des Films, die Rolle von Glück und Zufällen im Leben, ist allerdings meist eher herbeigezwungen als elegant unter der Story hinwegverlegt). Dass allerdings zwei komische Detectives noch auftreten müssen, die aus einem anderen Film (nämlich einem Woody-Allen-Film) gefallen zu sein scheinen, relativiert den guten Eindruck wieder, der sich gerade einstellen wollte. Zumal sie den ernsten Grundton des Films völlig unnötig unterlaufen.

Der Film ist OK, allerdings ist er nur selten originell und trieft von Klischees über die britische Upperclass, talentfreie Schauspielerinnen und deren gespanntes Verhältnis zueinander. Das Leben ist ein Spiel, Bosheit wird nicht (immer) bestraft: ja, ja, is scho recht. "Böse, kalt und umbarmherzig" können wohl nur Zeit-Kritiker einen letztlich recht harmlosen Film finden.

Der überdrehte Humor, der die guten Woody-Allen-Filme toll und die schlechten nervig macht, fehlt hier fast vollständig; das kann man gut oder schlecht finden. Also: man kann einen Kino-Abend auch schlechter verbringen. Allerdings auch wesentlich besser, wenn man sich zum Beispiel Kiss Kiss, Bang Bang mit den phantastisch aufgelegten Robert Downey Jr. und Val Kilmer ansieht. Aber das ist eine andere Geschichte.


Secret Coffee


Auf Slate.com gibt es einen Artikel, laut dem man bei Starbucks (zumindest) ein Getränk bekommen kann, das gar nicht auf der Karte steht, nämlich einen sog. "short cappuccino". Was - immer noch lt. Slate - ein kleinerer Cappucino ist als der kleinste auf der Karte verzeichnete, aber genauso viel Kaffee enthält. Kleiner und stärker also, also besser, und dazu noch billiger. Ich bin ewig nicht mehr bei Starbucks gewesen, aber es wäre vielleicht mal einen Versuch wert, ob das in Deutschland auch so ist. Eigentlich müsste es so sein, denn die Filialen sind meines Wissens weltweit durchorganisiert, und die Bezeichnungen sind eh alle in Englisch, auch hier.
Jedenfalls wirft das natürlich die Frage auf, die auch in dem Artikel diskutiert wird: warum versteckt Starbucks seine besten Produkte? Die einleuchtende Antwort: Riesenkaffees kosten kaum mehr in der Herstellung, man kann sie aber unverhältnismäßig viel teurer verkaufen. Mit italienischen Espressopfützen würde Starbucks vermutlich nicht ihre Weltdominanz erreichen. Deshalb wird es dort zweifellos weiter den Milchkaffee im Halblitereimer für 8 Euro* geben.
Eine andere interessante Frage ist, warum Starbucks überhaupt erfolgreich ist. Als die sich in den USA ausbreiteten, konnte man ja noch sagen, die Amis kennen nur gefärbtes Wasser als Kaffee und sind daher leicht für irgendwas zu begeistern, das einigermaßen schmeckt. Aber jetzt sind die ja hier auch einigermaßen etabliert, obwohl es nun wahrlich billigere und bessere Alternativen gibt. Ich glaube, das liegt daran, dass Starbucks zwar anonym ist, aber trotzdem einiges an cosyness bietet mit den Ohrensesseln, den warmen Farben, der angenehmen Musik. Man hat nicht die Schwellenangst, in einen richtigen, kuschligen Kaffeeladen zu gehen, aber einen schönen pseudo-Abglanz der Atmosphäre**, schließlich heißen die Kaffeemacher auch Baristas, was verwegen klingt, also ist man gar kein Massenkonsument, wenn man da kauft, sondern "in the know" und in der großen, wenn auch anonymen Familie Starbucks aufgehoben.

Wenn das stimmt, könnte man das Pseudo-Intimitäts-Konzept nicht noch auf weitere Felder ausweiten? Ein wenig passiert das ja schon, viele Mega-Buchläden haben ja Leseecken mit großen Sesseln eingerichtet. Bei Plattenläden würde sich das ja auch anbieten - keine arroganten Nerds an der Theke, die alle Smiths-Singles zuhause im Schrank haben und die einen strafend anschauen, wenn man nicht weiss, wer Architecture in Helsinki*** sind, dafür aber Platz zum Stöbern, CD-Player zum Selbstbedienen****, die so angebracht sind, dass man die Musik nicht im Stehen anhören muss. Das wäre sicher ein Bombenerfolg, dann könnte man dort zB auch nur noch dreifach-CDs für 80 Euro verkaufen und die Singles unter dem Ladentisch verstecken.

---
*: das ist geraten. Jetzt interessiert es mich aber wirklich, was ein Riesen-Cappuccino bei Starbucks kostet.
**: Das Argument stammt aus "A Long Way Down" von Nick Hornby.
***: Momeeeeent! Ich weiss das natürlich.
****: CD-Player zum Selbstbedienen gibt es nach meiner Beobachtung in größeren Ketten nur noch in der Klassik-Abteilung. Ob man wohl einzig den Klassikhörern die schwierige Aufgabe des CD-Einlegens zutraut? (Oder die noch schwierigere des Nicht-CD-klauens-und-leere-Hülle-zurückstellens?).



Heute beginne ich, meinen Kritisier-Vorsatz in die Tat umzusetzen. Weil das Jahr aber noch so jung ist, schummle ich ein bisschen und stelle ein Weihnachtsgeschenk vor :"Fires in Distant Buildings" von Gravenhurst. Die CD ist auf Warp erschienen, das ist ein ziemlich berühmtes Label, das eigentlich nur Elektronik herausbringt. Gravenhurst macht aber gar kein Electronic (Elektronik ist ja mehr das, was zum Vorschein kommt, wenn man seinen Fernseher aus dem Fenster wirft), sondern "feinsten" (Original Musikkritik-Wort, ich muss noch den krediblen Jargon lernen) Shoegazer-Folk o.s.ä. Soll heißen, dass schöne Gitarren-Klangteppiche à la Mogwai oder My Bloody Valentine umherwabern, mal lauter, mal leiser, und dazu ein schüchterner junger Mann namens Nick Talbot glockenhell und melancholisch singt. Melancholisch und düster ist überhaupt die gesamte Stimmung des Albums: "Gravenhurst", das klingt ja auch schon so nach einer verregneten englischen Grafschaft, in der es nur schales Bier und Erbsenmus gibt... Reizvoll ist der Kontrast zwischen düsterer Soundlage und hoher Stimme, nur leider kommt die Stimme etwas zu wenig zum Einsatz für meinen Geschmack. Dabei ist sie das eigentliche Plus der Musik, alles andere hat man schon einmal so oder ähnlich gehört. Überhaupt hat das Album großartige Stellen, man merkt aber doch einen gewissen Mangel an Songideen und wirklicher Substanz - es spricht für sich, dass bei (zugegebenermaßen recht langen) 8 Tracks eins nur eine instrumentale Reprise ist. Aber zu sehr will ich nicht meckern: ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass das Album bei den nächsten Hördurchgängen noch gewinnt.

Übrigens sind Verpackung, Aufmachung und auch der Titel des Albums perfekt auf die Stimmung der Musik abgestimmt, so dass man sehr viel verpassen würde, wenn man nur die Musik hätte (so etas soll heutzutage vorkommen). Dafür ein Extra-Bravo.

Hier gibt es ein gratis-MP3 von der Vorgänger-EP.

Wertung: drei kleine Sternchen von fünf.



Guten Morgen!

Natürlich habe ich auch Blog-Vorsätze für das neue Jahr gefasst:
- Alle Bücher, die ich lese, CDs, die ich kaufe, und Filme, die ich sehe, hier vorstellen und kritisieren. Erst dachte ich, das mache ich lieber nicht, das macht eine Menge Arbeit, aber schließlich benötigt das einen Bruchteil der Zeit, die ich fürs Hören der CDs, Anschauen der Filme und erst recht Lesen der Bücher aufwende. Was mich zu dem Gedanen führt, dass ich verdammt viel Zeit mit den aforementioned Tätigkeiten verbringe. Aber warum auch nicht? Also versuche ich es mal mit einer regelmäßígen Kritikkolumne auf den Seiten des Tagbuchs.
- Endlich mal ein neues Design bzw. überhaupt irgendwas, was man Design nennen kann, für diese Seite.
- Mehr Leser finden. Muss Freunde, Bekannte auf die Seite aufmerksam machen und Handzettel in der Fußgängerzone verteilen. (Habe gestern erfahren, ich hätte den ersten mir persönlich völlig unbekannten regelmäßigen Leser. DAS IST DER RUHM!!!!)

Natürlich habe ich auch die üblichen Vorsätze fürs neue Jahr: disziplinierter sein, mehr schaffen, gesünder leben, etc. Ich habe mich übrigens schon manchmal gefragt, ob es eigentlich gut ist, sich selbst immer mit schlechtem Gewissen zu knechten, weil man sein Leben nicht so perfekt lebt, wie man das könnte: um 6 Uhr aufstehen, täglich joggen, täglich mind. 1 Stunde fürs Schreiben aufwenden, dazu selbstredend einen erfüllten und konzentrierten 10-Std.-Arbeitstag absolvieren, regelmäßig mit allen Menschen, die einem wichtig sind, Kontakt halten, dem Schatz zu jeder Zeit die liebende Aufmerksamkeit schenken, die er verdient, regelmäßig mit Katze schmusen und ihn mit dem Werfen von zernagten Bällchen zu sportlicher Aktivität anhalten. Vielleicht sollte man sich eher sagen „Ach na ja, niemand ist perfekt, außer David Bowie“ und sein Leben in mehr Seelenruhe verbringen? Aber ein Leben ohne Ambition ist ja auch nicht das Richtige. Ambition gibt dem Leben Würze und Spannkraft, und ein bisschen nagendes schlechtes Gewissen ist der Treibstoff, der den Menschen zu Höchstleistungen antreibt und das Leben erst lebenswert macht. Letztlich muss wohl jeder selbst herausfinden, welches Ausmaß an Zuckerbrot bzw. resp. Peitsche er sich selbst angedeihen lassen will, auf dass man das Gleichgewicht zwischen Zerfressenheit und Schlaffitum erreicht. Warum gibt es keinen Ratgeber namens „Finden Sie Ihren eigenen Ambitionslevel“? Vielleicht, weil das ein allzu kurzer Rat wäre: „Jeder muss für sich selbst herausfinden, was gut für ihn ist, man muss sich darüber nur immer wieder klarwerden“? Ja, vielleicht.

Wie kam ich jetzt drauf? Immer wird man so philosophisch am Jahresanfang. Verkatert und philosophisch: keine gute Mischung. So, der Post ist jetzt aber auch schon lang genug, das muss, gute Vorsätze hin oder her, für heute reichen.


ich

neues


bilder


www.flickr.com

altes