Ich wollte schon lange etwas über Haruki Murakami schreiben. Dass mir das so schwerfällt, ist wohl symptomatisch: es scheint mir wenige Autoren zu geben, über die die Meinungen so weit auseinandergehen. Und nicht nur, dass ihn manche für ein Genie halten und andere für einen Stümper: es scheint auch die Meinung weit verbreitet zu sein, daß seine Bücher ebenfalls sehr unterschiedlich in der Qualität sind.
Letzteres kann ich jedenfalls bestätigen. Ich habe bisher folgendes von ihm gelesen:
Gefährliche Gebliebte, zwei Bände mit Kurzgeschichten, nämlich
Schweres Beben und
Wie ich eines Morgens das 100%ige Mädchen sah, und zuletzt
After Dark.
Gefährliche Gebliebte ist schon eine ganze Weile her, es hatte mir gar nicht gefallen, und danach hatte ich Murakami abgehakt als oberflächlich und langweilig. In diesem Roman (eher ein Kurzroman oder eine Riesenerzählung) geht es um dekorativ-orientierungslose Menschen, die einander lieben, aber nicht zueinander kommen können, und die Frauen sind mysteriös und die Männer melancholisch. Kurz, das Buch ist genau so öde wie sein öder Titel es vermuten lässt – der englische Titel
South of the Border, West of the Sun ist um mehrere Klassen besser, aber das dürfte den Inhalt auch nicht retten.
Dann aber kam das
100%ige Mädchen. Die Ähnlichkeiten von Stil und Story in diesen kurzen Geschichten sind unverkennbar: es geht meist um unspektakuläre Menschen mit ereignisarmen Leben, um halbvertane Chancen und vergessene Träume... aber da funktionieren diese Zutaten, und es ist nicht banal, sondern erzeugt eine perfekte, 100%ige Emulsion aus Real und Surreal. Aus beinahe Metaphysischem. Überhaupt das Surreale: das ist ein Element, das in „Geliebte“ völlig fehlt, in ein paar der Kurzgeschichten aber brillant verwendet wird. Auch sind viele der Geschichten sehr lustig, was
Geliebte überhaupt nicht ist. Wenn da in
Frosch rettet Tokio der große Frosch dem Bankangestellten erscheint und verkündet, mit seiner Hilfe müsse er den unterirdischen Wurm bekämpfen – das ist herrlich, weil es verrückt und ist trotzdem nüchtern erzählt. Wo Murakami am besten ist, da verwendet er die Normalität seiner Personen und deren Leben, um das Ungreifbare am Leben durchscheinen zu lassen, und zwar so ganz nebenbei: der Protagonist schaut in einen Abgrund, aber nur ganz kurz, er schaudert ein wenig, und danach trinkt er noch ein kühles Bier (kühle Biere spielen eine große Rolle in den Werken Murakamis).
„Afterdark“ war dann wieder eine Enttäuschung, wenn auch keine ganz so große wie die „Geliebte“. Der Plot ist interessanter, aber dafür sind die symbolhaften Einsprengsel nicht leicht und bekömmlich, sondern aufdringlich serviert; manchmal fühlt man sich an die Atmosphäre von japanischen Horrorthrillern erinnert (d.h. japanische Horrorthriller sind ja an sich nichts schlechtes, aber in dem Kontext wirken sie überraschend).
Nun weiß ich nicht, ob vielleicht das Murakami-Rezept bei Kurzgeschichten besser funktioniert als bei Romanen? Es scheint nicht gerade seine Stärke zu sein, spannende Geschichten zu erzählen; alles – fast alles – ist Atmosphäre. Andererseits soll
Kafka am Strand ja sein Meisterwerk sein, und das ist, soweit ich weiß, ein ziemlicher Wälzer. Vielleicht hat das ganze auch viel mit der Qualität der Übersetzung zu tun:
Geliebte soll aus dem englischen, also „second hand“ übersetzt worden sein, und das ist ja nun wirklich ein Unding. Katharina, die Japanischstudentin, hat mir auch mal erzählt, daß Murakami sehr geschickt mit Eigenheiten der japanischen Sprache umgeht, z.B. an manchen Stellen der
Geliebten für den alternden Protagonisten eine japanische Ich-Form verwendet (die japanische Sprache kennt offenbar mehrere Formen des „ich“), die eigentlich für Kinder reserviert ist. Das sind natürlich Dinge, die in der Übersetzung rettungslos verloren gehen; bzw. man bräuchte wohl einen hervorragenden Übersetzer, um derartiges in anderer Form annähernd wiederzugeben.
Ich bin also selbst im Zwiespalt, was Murakami angeht. Aber da bin ich offenbar in ganz guter Gesellschaft. Ist er nun der perfekte Chronist der Generation XY des 21. Jahrhunderts oder ist er nur massenkompatibel durch Vagheit? Hmmm, weiß nicht so recht. Jim Grund wurde von einer unbestimmten Sehnsucht erfaßt. Er ging zum Kühlschrank und holte sich noch ein kühles Bier.