Der Fall Grass - mein Senf


Daniel Kehlmann in der Herald Tribune über den "Fall Grass" - das beste, was ich bisher darüber gelesen habe. Ich denke, Daniel Kehlmann hat recht: die einzige logische Erklärung für Grass' Schweigen ist, dass er die Chancen auf den Nobelpreis nicht gefährden wollte. Hätte er ihn bekommen, wenn diese - eigentlich geringfügige - Verfehlung bekannt gewesen wäre? Höchstwahrscheinlich nicht, draußen warten hunderte Dissidenten mit ebenso großem literarischem Talent und blütenweißer Weste. Hatte Grass Angst vor Entdeckung zu Lebzeiten? Ich glaube auch, dass er eher an seinen Nachruhm gedacht hat und die Gefahr, dass die Geschichte irgendwann, wenn einer die definitive Grass-Biographie "vorlegt", herauskommen könnte. Das Ganze hat ja schon eine tragische Komponente - seine nervigen moralischen Anwürfe wären ja vermutlich eher noch wirkungsvoller, wenn er selbst auf die eigene, kleine Verstrickung und spätere Läuterung hätte hinweisen können. Ich denke, er hat mit dieser heftigen Reaktion nicht gerechnet und einfach unterschätzt, wieviele seiner Kollegen ihn sowieso schon immer nicht besonders mochten und nur auf so etwas gewartet haben; ein bisschen wie Joschka Fischer bei der Visa-Affäre. Trotzdem hat er wohl - aus seiner Sicht - alles richtig gemacht: der Nobelpreis ist da, und diese leidige SS-Geschichte wird in ein paar Jahren nur noch eine Fußnote sein. Was bleibt, ist allenfalls der berühmte fade Nachgeschmack.


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Billy Collins - On Turning Ten


The whole idea of it makes me feel
like I'm coming down with something,
something worse than any stomach ache
or the headaches I get from reading in bad light--
a kind of measles of the spirit,
a mumps of the psyche,
a disfiguring chicken pox of the soul.

You tell me it is too early to be looking back,
but that is because you have forgotten
the perfect simplicity of being one
and the beautiful complexity introduced by two.
But I can lie on my bed and remember every digit.
At four I was an Arabian wizard.
I could make myself invisible
by drinking a glass of milk a certain way.
At seven I was a soldier, at nine a prince.

But now I am mostly at the window
watching the late afternoon light.
Back then it never fell so solemnly
against the side of my tree house,
and my bicycle never leaned against the garage
as it does today,
all the dark blue speed drained out of it.

This is the beginning of sadness, I say to myself,
as I walk through the universe in my sneakers.
It is time to say good-bye to my imaginary friends,
time to turn the first big number.

It seems only yesterday I used to believe
there was nothing under my skin but light.
If you cut me I could shine.
But now when I fall upon the sidewalks of life,
I skin my knees. I bleed.

--


Zehn werden

Die ganze Sache gibt mir ein Gefühl
als müsste ich mit etwas niederkommen,
etwas, das schlimmer ist als Magendrücken
oder die Kopfschmerzen vom Lesen bei zu schwachem Licht -
eine Art Geistesmasern,
Psycho-Mumps,
entstellende Windpocken der Seele.*

Du sagst mir, es sei noch zu früh, zurückzublicken,
aber das ist, weil du vergessen hast,
wie die perfekte Einfachheit des Einer-seins gewesen ist,
die herrliche Komplexität, wenn das Zweite dazu kommt.
Doch ich kann auf meinem Bett liegen und mich
an jede Zahl erinnern.
Mit vier war ich ein orientalischer Zauberer.
Ich konnte mich unsichtbar machen,
indem ich ein Glas Milch auf eine ganz bestimmte Art und Weise trank.
Mit sieben war ich ein Soldat, mit neun ein Prinz.

Doch jetzt stehe ich meist am Fenster
und schaue ins Licht des späten Nachmittags.
Es fiel damals niemals so ernst auf eine Seite
meines Baumhauses,
und mein Fahrrad lehnte nie gegen die Garage
wie es das heute tut,
die ganze dunkelblaue Schnittigkeit abgeflossen.

Das ist der Anfang aller Traurigkeit, sage ich mir,
wie ich in Turnschuhen durch das Universum gehe.
Es ist die Zeit des Abschieds von den ausgedachten Freunden,
Zeit, die Kurve um die erste große Zahl zu nehmen.

Es scheint, es war erst gestern, dass ich glaubte,
ich hätte nichts als Licht unter der Haut.
Bei einem Schnitt hätte ich leuchten können.
Doch wenn ich jetzt an einem Bürgersteig des Lebens falle,
schlage ich mir die Knie auf. Ich blute.

--
*: Chicken pox of the soul - das ist eine Anspielung auf die englische Literaturgattung der Chicken soup for the soul-Geschichten: erhebende und inspirierende Erzählungen, Balsam für die Seele, sozusagen. Unübersetzbar!


verhört im Lidl


Atze, guck mal: Kneipenveilchen!



"Für eine Liste der Gründe, warum moderne Technik unser Leben nicht verbessert hat, drücken Sie bitte die 3" Alice Kahn


Wenn die Gondeln Trauer tragen


vorgestern auf DVD gesehen. Wohl einer der ganz wenigen Filmtitel, deren deutsche Übersetzung weit besser ist das Original, denn da heißt er, ziemlich banal, "Don't Look Now".

Ein phantastischer Film, der seinem Ruf als Klassiker voll gerecht wird. Ein Horrofilm, der nicht mit viel Kunstblut wirkt, sondern mit einer einzigartigen Atmosphäre. Es hilft natürlich, wenn man im winterlichen Venedig dreht, mit hervorragenden Schauspielern, und es einen Regisseur gibt, der das alles perfekt und mit rätselhafter Symbolik erzählt. Mir fallen immer wieder Szenen ein, die mir beim ersten Sehen nicht aufgefallen sind. Einen Schockeffekt gibt es eigentlich nur am Ende, und der ist auch noch auf ganz andere Weise schockierend als man erwarten würde. Er gibt allem, was vorher geschehen ist, erst einen Sinn, allerdings einen auch profanen Sinn. Einen gleichzeitig metaphysischen und profanen Sinn. Ach, das kann ich nicht erklären, ohne den Film nachzuerzählen. Und das will ich auch nicht, denn das müsste ich ja auch das Ende verraten. Das will ich auf keinen Fall.

Noch ein Ratschlag in dem Zusammenhang: Wenn ihr, wie ich, die SZ-Klassikerausgabe kauft (eine hervorragende Auswahl, aber nie irgendwelche Extras), lest nicht den "Klappentext" auf der Innenseite, denn da wird schon in den ersten Sätzen die Auflösung verraten. Dabei will nicht jeder diesen Film bloß aus filmhistorischem Interesse gucken. Grr.



Ein komischer Tag heute. Riesige Wolkenformationen, kühl, aber trotzdem drückend. Die Geräusche kommen nicht richtig an. Wenn die Außerirdischen doch noch landen wollen: das wäre der richtige Tag gewesen.


Der Wolkenatlas


Ein Artikel in der Welt vom Übersetzer von David Mitchells Roman Cloud Atlas zu den Schwierigkeiten, eben das zu tun. Wer das Buch gelesen hat, kann sich vorstellen, was für eine Herausforderung das Übersetzen ist.

Gerade habe ich übrigens David Mitchells neuesten Roman Black Swan Green gelesen. Rezension folgt..


Gefühltes Wasser


Ich muss mal ein paar Sätze von Jens Lönneker zitieren, der laut FAS im Rheingold Institut das Trinkverhalten der Deutschen untersucht. Ihm zufolge ging die Entwicklung des deutschen Trinkverhaltens etwa so:

Nach dem Krieg wollte man etwas richtiges ins Glas und trank Limo.

Stimmt, Großvater erwähnte so etwas. Richtig kernige Sachen, Schwarzbrot, grobe Leberwurst, dazu ne ordentliche Limo!

Ende der siebziger Jahre dann: mehr Narzißmus, daher: Mineralwasser. Denn nur im Mineralwasser kann man sich klar spiegeln, in Limo sieht man total gelb aus, und die Bläschen stören. Unästhetisch!

Heute aber:

Wir entlasten uns, arbeiten nicht mehr wie verrückt an unserem Styling. Dazu gehört, dass wir auch bei Getränken entspannen können und uns mal etwas Geschmack ins Wasser gönnen.


Stimmt, wer kennt das nicht? "Gott, waren wir damals in den 90ern crazy mit dem Styling. Ausgerastet, wenn uns jemand das Gel im Haar verwuschelte! Gott, was waren wir damals ahnungslos! Heute ist das voll ok, wenn mir jemand Geschmack ins Wasser kippt. Brombeer, Pfirsich, Pampelmuse? Total crazy eigentlich, aber was soll's? Heute weiß ich: das ist nicht das Ende der Welt. Das Ende der Welt, das ist Nepal. Die wichtigen Dinge halt: Weisheit, Stille, Paragliding. Ich kann heute stundenlang in ein Glas Wasser mit Pfirsichgeschmack schauen und darüber meditieren, dass das genauso aussieht wie Wasser ohne Geschmack. Das ist für mich Freiheit."


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